CfP: Netzwerke (revisited)

4. Workshop der AG Daten und Netzwerke am 19. und 20. Mai 2016, Ruhr-Universität Bochum

In zahlreichen Kontexten bedeutsam und vielfach präsent, scheinen Netzwerke immer noch allgegenwärtig zu sein. Doch schon 2007 bezeichnete Erhard Schüttpelz sie als „semantisches Leitfossil“. Mal technisch, mal ökonomisch, mal sozial konnotiert, ist der Netzwerkbegriff zu einem Paradigma geworden, das technisches Verständnis und gesellschaftliches Handeln miteinander verschränkt. Obwohl der Netzwerkbegriff als solcher nach wie vor Konjunktur hat, lässt sein universelles Potential, die Lebenswelt der Postmoderne erklären zu können, mehr und mehr nach. Der Workshop der AG Daten und Netzwerke (der Gesellschaft für Medienwissenschaft) nimmt diese Entwicklung zum Ausgangspunkt, sich mit den Potentialen, aber auch Grenzen des Netzwerkbegriffs und seiner Anwendbarkeit auf zeitgenössische Medienpraktiken zu beschäftigen. Ziel des Workshops ist es, sowohl nach der historischen Entwicklung des Begriffs, den verschiedenen Semantiken und handlungspraktischen Dimensionen von Netzwerken zu fragen, als auch Konzepte und Modelle zu diskutieren, die diese variieren bzw. ablösen können.

Seinen Ursprung hat der Netzwerkbegriff in der Wissenskultur der Frühen Neuzeit. Mit den materiellen Versorgungssystemen der beginnenden Moderne (Elektrizität, Telegraphie, Verkehr u.a.) wird er zum strukturellen Moment. Zusätzlich gewinnt bald eine weitere Bedeutungsebene an Relevanz: Netzwerke dienen als Beschreibungsmodell des sozialen Miteinanders. Im beruflichen Umfeld werden sie als Baustein für Karriere verstanden, im persönlichen Erleben sind sie wesentlicher Teil kommunikativen Handelns, wenn man die sogenannten „sozialen Netzwerke“ und andere Anwendungen des Web 2.0 in den Blick nimmt. Der Aufstieg des Netzwerkbegriffs wird begleitet von einer rhizomatischen Überlagerung dieser Bedeutungsebenen, die sich nun nicht mehr länger semantisch trennscharf unterscheiden lassen und insbesondere die poststrukturalistische (Medien)Philosophie prägen. Die Ubiquität des Netzwerkbegriffs zeigt sich nicht nur in seiner Verbreitung in der Alltagssprache, in der sich medial-materielle Verknüpfungen mit sozialen Beziehungsmustern verwoben haben, sondern insbesondere in seiner scheinbaren Allgegenwart in den Wissenschaften, in denen dieses Bedeutungsspektrum um ein Oszillieren zwischen Metaphorik, modellierendem und simulierendem Analysetool und Beobachtungsperspektive erweitert worden ist. Hier ist es nicht zuletzt die Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour, Callon), die zum Aufschwung eines praxeologischen, auf hybride Übersetzungen zielenden Netzwerkbegriffs beigetragen hat.

Der vierte Workshop der AG Daten und Netzwerke setzt auf einen produktiven und intensiven Austausch. In diesem Zusammenhang sind mögliche Fragestellungen und Themen des Workshops:

  • Arten von Netzwerken
  • Semantiken von Netzwerken
  • historische Dimensionen von Netzwerken
  • Momente der Störung in Netzwerken
  • Netzwerkanalyse und digitale Methoden in der Medienwissenschaft
  • medienmaterielle Anwendungen: Graphentheorie in den Wissenschaften und Graphenpraxis als Grundlage von Social-Media-Plattformen
  • Verhältnis des Netzwerkbegriffs zu Begriffen/Konzepten wie Plattform, Infrastruktur, Medienökologie
  • Zusammenspiel von Netzwerken mit Protokollen und Datenbanken
  • Netzwerke und Macht
  • Metaphoriken und Imaginationen von Netzwerken

Um ausreichend Zeit für Diskussionen zu gewährleisten, sieht das Konzept des Workshops vor, dass alle Beiträge vorab in Form eines Papers eingereicht werden, so dass alle Teilnehmer_innen die Beiträge im Vorfeld vorbereiten können. Im Workshop wird dann jeder Beitrag nur noch durch eine prägnante Zusammenfassung eingeleitet.

Abgabe der Vorschläge/Abstracts (max. 300 Worte): 15. Januar 2016
Auswahl und Information der Teilnehmer_innen: 15. Februar 2016
Abgabe der fertigen Beiträge (max. 3000 Worte): 15. April 2016
Workshop: 19. – 20. Mai 2016, Ruhr-Universität Bochum

Einreichungen bitte an: Katja Grashöfer (katja.grashoefer@rub.de) und Bianca Westermann (bianca.westermann@rub.de)

 

Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Daten und Netzwerke im Oktober 2015

Apprich, Clemens
Bartel, Michael
Beverungen, Armin
Burkhardt, Marcus (Sprecher)
Chiquet, Simone
Dander, Valentin
Degeling, Martin
Doll, Martin
Eickelmann, Jennifer
Engemann, Christoph
Ernst, Christoph
Fingerhut, Elena
Friedrich, Kathrin
Gerlitz, Carolin
Gießmann, Sebastian
Grashöfer, Katja
Hagen, Wolfgang
Heilmann, Till
Herwig, Jana
Hippe, Seline
Hirsbrunner, Simon
Kaerlein, Timo
Kaldrack, Irina (Sprecherin)
Kammerer, Dietmar > Public Key
Klapdor, Anna-Lena
Koubek, Jochen
Krewani, Angela
Köhler, Christian
Lehner, Nikolaus
Leistert, Oliver
Leistert, Oliver
Lucke, Renate
Mager, Astrid
Meißner, Stefan
Nachreiner, T.
Othmer, Julius
Otto, Ulf
Passoth, Jan-Hendrik
Paßmann, Johannes
Püschel, Florian
Reichert, Rámon
Richterich, Annika
Ruf, Oliver
Röhle, Theo
Schabacher, Gabriele
Schaefer, M.
Schmitt, Martin
Schober, Regina
Seibel, Benjamin
Seidler, John
Shnayien, Mary
Sieber, Samuel
Simanowski, Roberto
Simons, Sascha
Sprenger, Florian
Stollfuss, Sven
Sudmann, Andreas
Tedjasukmana, Chris
Thielmann, Tristan
Tuschling, Anna
Udelhofen, Stefan
Vehlken, Sebastian
Volmar, Axel
Wagner, Hedwig
Walkowski, Niels-Oliver
Weber, Jutta
Weich, Andreas
Westermann, Bianca
Wiedemann, Carolin
Wiehl, Anna
Wiemer, Serjoscha
Wirth, Sabine

Stand: 5. Oktober 2015

Talking about Digital Methods – Research Interviews und Gespräch

Was sind digitale Methoden? Welche Bedürfnisse und Fragen erzwingen digitale Methoden und welche Herausforderungen stellen sie derzeit an die eigene Disziplin? Die Interviewserie “Talking about Digital Methods” entfaltet einige Stränge der Auseinandersetzung um digitale Gegenstände und deren Erforschung. ExpertInnen aus unterschiedlichen Disziplinen beantworten in kurzen Interviews drei Kernfragen. Diese sind bewusst allgemein gehalten, um einerseits die je eigenen Zugänge der ForscherInnen integrieren zu können. Andererseits soll dadurch die Vergleichbarkeit der Interviews für die RezipientInnen erleichtert werden. Die Fragen lauten:

  • Was verstehen Sie unter digitalen Methoden?
  • Welche Potentiale sehen Sie in digitalen Methoden?
  • Welche Bedenken haben Sie gegenüber digitalen Methoden?

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Profile und Utopien. Bericht der AG Daten und Netzwerke 2014/2015

Nach der Publikation der Beiträge zur Frage „Was ist Datenkritik“ im Freiburger E-Journal „Mediale Kontrolle unter Beobachtung“ (2014, hrsg. von Marcus Burkhardt und Sebastian Gießmann) lagen die Schwerpunkte der AG-Arbeit auf Fragen der Digital Humanities bzw. digitalen Methoden und Kontrolltechniken in digital vernetzten Medien. Anlässlich des letztjährigen Workshops „Reverse Engineering Digital Methods“ der AG Daten und Netzwerke – in Kooperation mit dem Digital Cultures Research Lab der Leuphana Universität Lüneburg – startete die Interviewserie „Talking about Digital Methods“. Die Interviews geben Einblick in die gegenwärtige Auseinandersetzung um Data Mining, um Zugänglichkeit und Agency von Daten sowie um Evidenzpraktiken, Narrationen und Methodenreflexion. Expertinnen aus unterschiedlichen Disziplinen beantworten darin drei Fragen nach ihrem Verständnis und Potenzialen und Grenzen digitaler Methoden.

Das Panel „Netzwerke überwachen“ auf der GfM-Jahrestagung „Medien|Recht“ in Marburg 2014 intensivierte – mit Vorträgen von Dietmar Kammerer, Christoph Engemann und Samuel Sieber – die Arbeit an den medialen Bedingungen nach Edward Snowdens Enthüllungen. Was passiert in einer Welt, in der Netzwerke Netzwerke überwachen? Ein geheimdienstlicher Verbund aus „fünf Augen“ zapft materielle Netzwerke an (Unterseekabel), schöpft digitale Netzwerke ab (Google, Facebook), um Metadaten zu sammeln die Auskunft geben über (terroristische und andere soziale) Netzwerke … Die auf dem Panel diskutierten verschiedenen Wissensordnungen von Netzwerken und ihre Daten-Praktiken bildeten die Grundlage für die Fragen des dritten Workshops der AG, der vom 3. bis 4. Juli 2015 an der TU Braunschweig stattfand. Unter dem Titel „Profile: Individualisierung, Kollektivierung und Klassifizierung durch Daten“ wurde einerseits das datenkritische Programm der AG Daten und Netzwerke weitergeführt und andererseits die für Surveillance Studies grundlegende grundlegende Frage der Subjektivierung in digitalen Öffentlichkeiten diskutiert.

„Profile“ (Bericht von Andreas Weich)

Die Initiative zum Workshop ging dabei von einem Vorschlag aus der vorigen Veranstaltung „Reverse Engineering Digital Methods“ aus – und zielte auf ein Thema, das sowohl für medienwissenschaftliche als auch mediensoziologische und kommunikationswissenschaftliche Perspektiven und Fragestellungen attraktiv ist. Nach ersten konzeptionellen Überlegungen zu einem Workshop zum Thema Profile/Profiling durch Theo Röhle, Andreas Weich und Julius Othmer (Braunschweig) erweiterte sich der interdisziplinäre Kreis der OrganisatorInnen auf Jan-Hendrik Passoth (München), Jan-Hinrik Schmidt (Hamburg) sowie Martin Degeling, Katja Grashöfer und Bianca Westermann (Bochum). Der Ansatz des Workshops war es, „Profil“ als Begriff und Konzept, sowie verschiedene Ausprägungen und damit verbundene Praktiken der Profilierung im Spannungsfeld zwischen Selbstprofilierung und dem Profiliert-Werden zu diskutieren.

Die Grundlage hierfür bildeten sechs Texte, die im Vorfeld in einem Reader an alle Teilnehmenden verschickt wurden. Eingeleitet durch eine kurze Einlassung mit ersten Fragen an die jeweiligen Autoren durch eine der OrganisatorInnen ergaben sich von Beginn an produktive Diskussionen – trotz einer Außen-Temperatur, die zwischen erfrischenden 29 und sportlichen 38 Grad Celsius lag.

ANDREAS BERNARD (Lüneburg) ging in seinem Beitrag „Profil, Erfassung, Selbstdesign“ der Geschichte des Profils und insbesondere seiner Umcodierung innerhalb der letzten 25 Jahre nach. Von einem Medium zur Erfassung und Darstellung von Abweichung wandelt es sich dabei zu einem Medium des Selbstdesigns. Ein Profil zu haben, wird damit zur Normalität und umgekehrt z.B. in Sicherheitsdiskursen das Fehlen eines Facebook-Profils gerade zu einem Verdachtsmoment.

ANDREAS WEICH (Braunschweig) gab unter dem Titel „Sich profilieren und profiliert werden – zur (Medien-)Genealogie zweier Seiten einer Medaille“ einen komprimierten Überblick über die semantische Geschichte des Profil-Begriffs und argumentierte anschließend an historischen Beispielen, wie der Schattenrisstechnik oder dem „Anthropometrischen Labor“ Francis Galtons, dass das Sich-Profilieren und das Profiliert-Werden historisch vielfach konstitutiv miteinander verwoben sind und z.B. aktuelle Privacy-Diskurse vor diesem Hintergrund neu zu bewerten sind.

FABIAN PITROFF (Kassel) rückte mit „Profile als Labore des Privaten? Profile als Instanzen einer Neuverhandlung von Privatheit und Personalität“ die Wechselbeziehung von bestimmten Personalitäts- mit bestimmten Privatheitskonzepten in den Fokus und argumentierte über Gouvernementalitäts-, System- und Akteur-Netzwerk-Theorie, dass sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt Personalitäten konturiert hätten, die auf Pflege, Erreichbarkeit und Komposition zielen. Profile in Online Social Networks veranschlagte er dabei als Möglichkeiten, neue Privatheits-Konzepte für diese neuen Personalitäten zu generieren und zu erproben.

NIKOLAUS LEHNER (Wien) modellierte in seinem Beitrag „Das digitale Selbst zwischen Doppelgängertum und Post-Entfremdung“ Konstellationen aus Datenspuren, die oftmals mit „Data Doubles“ oder auch „Datenschatten“ bezeichnet werden, über die literarische Figur des Doppelgängers. Er ging von einer Renaissance der Doppelgängerfigur in der Spätmoderne aus, nachdem diese im 20. Jahrhundert zunächst marginalisiert worden sei. In digitalen Medien komme dem Doppelgänger unter neuen Vorzeichen die wichtige Funktion einer produktiven, ja sogar subjektkonstitutiven Entfremdungserfahrung zu.

MARTIN SCHMITT (Potsdam) gab in „Der informationalisierte Mensch. Datennutzung und Datenschutz deutscher Sparkassen in der Kundenkreditvergabe von 1968 – 1990“ einen konzisen Überblick über das Aufkommen von Credit Scoring-Techniken, in denen Profile von potenziellen KreditnehmerInnen zu einer Kennzahl verrechnet wurden, die dann Einfluss auf die Kreditvergabe und -bedingungen z.B. in Form des Zinssatzes hatte. Banken veranschlagte er dabei als eine der ersten Institutionen, die den Wert personenbezogener Daten erkannten und ökonomisch operationalisierten.

MARTIN DEGELING (Bochum) stellte unter dem Titel „Googles Interessenprofiling“ Ergebnisse aus seiner Studie vor, in der er mehrere hundert simulierte Nutzer automatisiert Seiten besuchen ließ und die resultierenden Interessenprofile, die bei Google daraufhin erstellt wurden, analysierte. Neben zentralen technischen Verfahren arbeitete er heraus, dass die Interessenprofile zwar umfangreich und unvermeidlich, dabei aber ungenau seien – und das auch, um Kontingenz für ökonomische Dynamiken zuzulassen.

Die Diskussionen der Texte generierten weitere interessante Themen und Fragen – so wurde verschiedentlich die Rolle von Profilen zwischen Präskription und Deskription diskutiert, die Frage der Stiftung von Kohärenz bzw. umgekehrt von Fragmentierung, die Produktion von Kommensurabilität, die produktiven bzw. gar subjektkonstitutiven Effekte von Profilen aufgeworfen, sowie die Schärfung des Profilbegriffs als Desiderat formuliert. In einer geplanten Publikation soll neben der Veröffentlichung der Beiträge versucht werden, aus der Runde der Teilnehmenden heraus in kurzen Statements diese Fragen zu bearbeiten.

„Utopien“

Für die Bayreuther Jahrestagung zu Utopien hat die AG ein Panel „Kritik und Praxis: Spielräume digitaler Utopien“ konzipiert. Denn im digitalen Zeitalter herrscht kein Mangel an Utopien. Technische Träume gehören ebenso wie Versprechen neuer und vor allem besserer Kultur-, Gemeinschafts- und Lebensformen zu den Spielräumen des digitalen Kosmos. Jenseits aller Heilsversprechen und Schreckensszenarien entpuppt sich die digitale Wirklichkeit stets als vielschichtig, spannungsgeladen und heterogen. Vernetzung, Kollaboration, Partizipation, Transparenz und Offenheit stehen Überwachung, Automatisierung, Zentralisierung und Intransparenz gegenüber.

Inmitten dieser Gemengelage werden Fragen nach der Ausgestaltung des digitalen Lebensraumes immer wieder neu drängend und dringend. Wie kann, soll und darf Zukunft unter dem Vorzeichen des Digitalen aussehen? Was sind Visionen, die entwickelt werden wollen? Und was ist gegenwärtig von den Utopien vergangener Internettage geblieben? Welche Ideen sind zu „konkreten Utopien“ (Bloch) geworden? Diese und weitere Fragen sollen im Workshop der AG Daten und Netzwerke diskutierend ausgelotet werden. Betrachtet werden sollen dabei nicht nur Utopien, die mögliche Zukünfte entwerfen, Hoffnungen artikulieren und Alternativen präsentieren, sondern auch Strategien, Taktiken und Bemühungen diese abstrakten Projektionen zu konkretisieren. Im Spannungsfeld von Kritik und Praxis soll debattiert werden, mit welchen Utopien die digitale Medienwelt und ihre Erforschung experimentiert: Welche Spielräume der Intervention und Mitgestaltung gibt es? Kann die kritische Reflexion der Medienumwelt produktiv gewendet werden? Ist medienwissenschaftliche Forschung in Zeiten von Big Data selbst eine digitale Utopie?

Anknüpfend an Inputs von Clemens Apprich, Marcus Burkhardt, Sebastian Gießmann, Katja Grashöfer, Irina Kaldrack und Theo Röhle will der Workshop einen Raum für gemeinsame Diskussionen über die Spielräume digitaler Utopien eröffnen.

Die Aktivitäten der AG können weiterhin zeitnah über unsere Mailingliste (Abonnement per Mail an Sebastian Gießmann oder Irina Kaldrack) und unser gemeinschaftliches Weblog verfolgt werden, für das wir uns immer über Beiträge freuen: https://datanetworks.wordpress.com.

Sebastian Gießmann (giessmann@medienwissenschaft.uni­siegen.de)
Irina Kaldrack (kaldrack@leuphana.de)

Profile: Individualisierung, Kollektivierung und Klassifizierung durch Daten

3. Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM
Braunschweig, 03./04.07.15

In gegenwärtigen Diskursen zu Daten und Netzwerken ist der Profil-Begriff ebenso präsent wie schillernd, wird er doch einerseits vor dem Hintergrund des ökonomischen Imperativs zur Selbstdarstellung, andererseits vor dem Hintergrund einer Angst vor Überwachung diskutiert. Beide mit demselben Begriff beschriebenen Phänomene sind dabei zwar miteinander verknüpft, jedoch nicht nur in ihrer technischen Implementierung verschieden, sondern auch mit unterschiedlichen Praktiken der Profilierung, anderen Ästhetiken (oder auch Anästhetiken), und anderen normativen Bewertungen verbunden. Trotz oder vielleicht ausgerechnet vor dem Hintergrund dieser Disparitäten scheint der Begriff etwas auf den Punkt zu bringen, dass die mediale Repräsentation bzw. gar Konstitution ‘des Menschen’ unter den Bedingungen von Daten und Netzen betrifft.

Vor diesem Hintergrund bieten der Begriff des Profils und die Phänomene, die er bezeichnet, vielversprechende Ansatzpunkte für theoretische und analytische Zugänge zur gegenwärtigen Medienkultur und den darin entworfenen Subjektkonzepten. Dieser Annahme folgend wird der zweite Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM verschiedene bestehende Perspektiven auf Profile aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammenführen und in Austausch miteinander bringen.

Freitag, 03.07.2015

14:00 – 14:30:
Einführung durch die OrganisatorInnen

14:30 – 15:30:
Andreas Bernard (Lüneburg) „Profil, Erfassung, Selbstdesign“
(Diskutant: Andreas Weich)

15:30 – 16:00:
Pause

16:00 – 17:00:
Andreas Weich (Braunschweig) „Profilieren und profiliert werden“
(Diskutantin: Katja Grashöfer)

17:00 – 18.00:
Fabian Pittroff (Kassel) „Profile als Labore der Privatheit?“
(Diskutant: Jan-Hendrik Passoth)

20:00:
Abendessen

Samstag, 04.07.2015

09:30 – 10:30:
Nikolaus Lehner (Wien)  „Das digitale Selbst zwischen Doppelgängertum und Post-Entfremdung“
(Diskutantin: Bianca Westermann)

10:30 – 11:30:
Martin Schmitt (Potsdam) „Die Informationalisierung des Menschen“
(Diskutant: Martin Degeling)

11:30 – 12:30:
Mittagspause

12:30 – 13:30:
Martin Degeling (Bochum) „Googles Interessenprofiling“
(Diskutant: Theo Röhle)

13:30 – 14:30:
Abschlussdiskussion und Thesenwerkstatt

14:30 – 15:30:
Slot zur Besprechung von Fragen zur AG und Vernetzung

Die ausformulierten Beiträge werden vorab an alle Teilnehmenden verschickt und stellen statt eines Vortrags die Grundlage für die Diskussionen im Workshop dar. Bei Interesse an einer Teilnahme bitten daher um Anmeldung bis spätestens 26. Juni 2015.

Der Workshop wird organisiert von AG-Mitgliedern der TU Braunschweig (Andreas Weich, Julius Othmer), der HBK Braunschweig (Theo Röhle), des Hans-Bredow-Instituts (Jan-Hinrik Schmidt), der TU München/MCTS (Jan-Hendrik Passoth) und der Ruhr-Universität Bochum (Martin Degeling, Katja Grashöfer, Bianca Westermann).

Ort: TU Braunschweig, Bienroder Weg 97, Raum 97.8.

WWW: datanetworks.wordpress.com
Twitter: #AGDN

Kontakt:
Andreas Weich
Theo Röhle
Julius Othmer

CfP: Workshop „Profile“

Profile: Individualisierung, Kollektivierung und Klassifizierung durch Daten
3. Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM
Braunschweig, 03./04.07.15

Call for Participation

In gegenwärtigen Diskursen zu Daten und Netzwerken ist der Profil-Begriff ebenso präsent wie schillernd. Im Kontext von Social Networking Sites bezeichnet er beispielsweise sowohl die Darstellungsform des Nutzeraccounts als auch das Produkt der Auswertung personenbezogener Daten zum Zweck der Personalisierung von Werbung. Beide mit demselben Begriff beschriebenen Phänomene sind dabei zwar miteinander verknüpft, jedoch nicht nur in ihrer technischen Implementierung verschieden, sondern auch mit unterschiedlichen Praktiken der Profilierung, anderen Ästhetiken (oder auch Anästhetiken), und anderen normativen Bewertungen verbunden – einerseits vor dem Hintergrund des ökonomischen Imperativs zur Selbstdarstellung, andererseits vor dem Hintergrund einer Angst vor Überwachung. Über Profile lässt sich somit gleichermaßen in Diskursen zum Datenschutz, im Marketing, in Bewerbungsratgebern, in der Psychologie, der Kriminalistik und vielem mehr reden. Trotz oder vielleicht ausgerechnet vor dem Hintergrund dieser Disparitäten scheint der Begriff etwas auf den Punkt zu bringen, dass die mediale Repräsentation bzw. gar Konstitution ‘des Menschen’ unter den Bedingungen von Daten und Netzen über all diese Bereiche hinweg betrifft. Insofern kann ‘das Profil’ im Sinne Jürgen Links als inter(spezial)diskursives Konzept zur Rede über ‘den Menschen’ in Form von Daten veranschlagt werden. Als Untersuchungsgegenstände sind Profile dabei sowohl in der Medienwissenschaft, der Kommunikationswissenschaft als auch der Mediensoziologie und der Rechtswissenschaft unter verschiedenen Prämissen virulent.

Vor diesem Hintergrund scheinen der Begriff des Profils und die Phänomene, die er bezeichnet, vielversprechende Ansatzpunkte für theoretische und analytische Zugänge zur gegenwärtigen Medienkultur und den darin entworfenen Subjektkonzepten zu sein. Dieser Annahme folgend soll der zweite Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM verschiedene bestehende Perspektiven auf Profile aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammenführen und in Austausch miteinander bringen. Das Ziel kann und soll dabei nicht sein, eine Art konsensfähiger ‘Definition’ ‘des Profils’ zu synthetisieren, sondern unterschiedliche Lesarten des Begriffs, unterschiedliche Phänomene und unterschiedliche Zugänge zu diskutieren und  gegenseitig füreinander produktiv zu machen.

Die AG Daten und Netzwerke freut sich über prägnante Beiträge und Positionspapiere zur Begriffsarbeit am Profil-Konzept, phänomenbezogene Fallstudien zu spezifischen Profilen sowie  allgemeine Überlegungen zur Rolle von Profilen in der Medienkultur, die auf dem gemeinsamen Workshop in Braunschweig intensiv diskutiert werden können.

Themenbereiche können unter anderem sein:

  • Profile als Repräsentationen ‘des Menschen’
  • Profile als Subjektivierungs- und Regierungsform
  • Profiling als Praxis zwischen Überwachung und Selbstdarstellung
  • Das Profil als inter(spezial)diskursives Konzept
  • Geschichte des Profils als Konzept der Menschenverdatung
  • Technologien (und deren Implikationen) zur Generierung und/oder Erstellung von Profilen (Datenbanken, Data Mining, Scoring, Big Data etc.)
  • Profile/Profiling und Datenschutz
  • Profile, Vergleichbarkeit und Matching
  • Profile und Personalisierung
  • Profile als Interface und ästhetische Form
  • Profile als Instrument zur Kommunikation in Netzwerken/Social Media
  • Profile und Profiling als Instrumente der Fahndung
  • Profile, Typologisierung und Klassifikation

Der Workshop wird organisiert von AG-Mitgliedern der TU Braunschweig (Andreas Weich, Julius Othmer), der HBK Braunschweig (Theo Röhle), des Hans-Bredow-Instituts (Jan-Hinrik Schmidt), der TU München/MCTS (Jan-Hendrik Passoth) und der Ruhr-Universität Bochum (Martin Degeling, Katja Grashöfer, Bianca Westermann). Textvorschläge können als Abstracts mit maximal 2.500 Zeichen bis zum 01. Mai 2015 per E-Mail an Andreas Weich, Theo Röhle und Julius Othmer gesendet werden. Die ausgewählten fertigen Beiträge mit 10.000 bis 20.000 Zeichen werden vorab an alle Mitglieder der AG verschickt und stellen die Grundlage für die Diskussionen im Workshop selbst. Sie müssen bis zum 15. Juni 2015 bei den Veranstaltern eingegangen sein.
Die für jede/n offene AG Daten und Netzwerke ist Teil der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Für Mitglieder der GfM kann ein Zuschuss zu den Reisekosten übernommen werden.
Beginn: 03. Juli, 14 Uhr
Ende: 04. Juli, 18 Uhr (mit offenem Ende für’s Beisammensein)
Ort: TU Braunschweig, Bienroder Weg 97, Raum 97.8.
WWW: datanetworks.wordpress.com
Twitter: #AGDN
Kontakt:
Andreas Weich
Theo Röhle
Julius Othmer

Valentin Dander: Von der ‚Macht der Daten‘ zur ‚Gemachtheit von Daten‘. Praktische Datenkritik als Gegenstand der Medienpädagogik

In contrast to the approaches used in media studies, data critique in media pedagogy is conceptualized in analogy to competence-based media critique and connected to individual and collective agency. This leads to productive aspects of data critique that emerge alongside its negative-critical orientation. Open Government Data thereby appear as an apt field for experimentation towards the competencies necessary for practical data critique.
(Paper in German | Discussion)

Annika Richterich: Google Trends: Using and Promoting Search Volume Indicators for Research

This paper discusses methodological research developments related to the web service Google Trends. It reflects on the implications of data evaluation based on search engine queries. Recent methodological developments in quantitative research design can be traced back to the establishment of search engines as main gateways to online content. While Google Inc. uses its own received web search queries in order to maintain more specific services, such as the epistemological surveillance platform Google Flu Trends, it also presents excerpts from its databases publicly in Google Trends. The service indicates, for example, how frequently a search-term has been entered in Google, and where this query can be geographically located. Information on actual search volumes is not provided, however. Recent studies have drawn on Google Trends in order to analyse relations between these search volume indications and developments such as stock market moves. What is presented to the public and used in most of these studies, however, are merely surrogates and indicators of the original web search logs and search engine queries, rather than the data itself. Such developments should be seen critically, since the original data are exclusively available to respective media companies and selected scientists. Google Trends is supposed to communicate transparency and openness. As a symbolic gesture, it implies that Google ‘hands back’ parts of the user-generated search engine data to the public. Applications such as Google (Flu) Trends are staged as philanthropic investment, but are only one out of the many data mining possibilities that are based on the users automatically paying their search engine queries with the data they leave behind.
(Paper in German | Discussion)

Florian Püschel: Big Data und die Rückkehr des Positivismus. Zum gesellschaftlichen Umgang mit Daten

In order to develop some sort of provisional Data Critique, it seems necessary to identify the central concerns and issues that such an approach would have to cover. Looking at various stereotypes about „data“ in the public discourse, it becomes clear that a positivist tendency exists that obscures the real causes of the social problems associated with new data technologies. Given the increasing societal impact of Big Data applications, it is also necessary to develop a better vocabulary for describing the different ways in which data is handled. This article proposes that the vocabulary of Niklas Luhmann’s systems theory provides a useful conceptual basis for differentiating between the various ways in which data is recontextualized.

(Paper – in German | Discussion)