Bitcoin ‒ ein Experiment hofft auf ein Netzwerk

Das Experiment ‚Bitcoin‘ hat in den vergangenen Monaten zunächst erheblich an Bekanntheit und infolge an Wert gewonnen. Bitcoin ist digitale Währung und Zahlungssystem zugleich. Über ein Peer-to-Peer Computernetzwerk, das von sogenannten ‚Minern‘ gebildet wird, laufen sowohl Transaktionen als auch die Erzeugung neuer Bitcoins ab. Als Gegenleistung für die Teilnahme am Mining ‒ d.h. der Bereitstellung von Rechenleistung zur Abwicklung von Transaktionen und der Erzeugung ‒ erhalten die beteiligten Clients eine Transaktionsgebühr sowie Anteile neuer Bitcoins. Diese Gebühr ist zurzeit freiwillig, stellt jedoch einen Anreiz für Transaktionsbestätigungen und Signaturen durch die Clients dar. Bitcoin ermöglicht (potentiell anonyme) Transaktionen, ohne dass diese von Finanzintermediären verifiziert werden müssen. Das Bitcoin-Protokoll basiert auf Blockchain, einer dezentral verteilten Datenbank aller Transaktionen. Diese Speicherung sämtlicher, je getätigter Transaktionen macht Bitcoin für Fälschungen unanfällig. Die Begrenzung auf eine maximal mögliche Erzeugung von 21 Millionen Bitcoins stellt zudem in Aussicht, dass die Währung langfristig inflationssicher ist.

Nachdem der Bitcoin-Kurs auf der Handelsplattform Mt.Gox (folgend auf ein kurzzeitiges Rekordhoch) kürzlich drastisch fiel, kann man eine gewisse mediale Schadenfreude feststellen. Darin drückt sich mitunter eine Erleichterung der verunsicherten Beobachter aus. Insbesondere die (Software-)technische Seite von Bitcoin erweist sich als Herausforderung für unser technisches Verständnis bzw. wird als solche stilisiert. Die starken Schwankungen im Kurs werden als Bestätigung dafür herangezogen, dass das Konzept einer von Finanzintermediären unabhängigen, digitalen Währung zu risikoreich und dysfunktional sei. Dieser Einschätzung liegt jedoch häufig nicht mehr als ein Unbehagen in der digitalen Kultur zugrunde. Indiz dafür ist auch eine ‚Mystifizierung‘ der virtuellen Währung.

So versicherte etwa Izabella Kaminska den Lesern ihres Artikels When memory becomes money aufmunternd: „Unless you are a computer geek, an MIT grad or an algorithmic genius, it’s unlikely you will ever really understand (we speak for ourselves)“. In der F.A.Z. urteilte man über den Wertverfall von Bitcoin: „(…) 60 Dollar. Schon das ist viel für eine rein virtuelle Währung, die nur aus Bits und Bytes besteht und mit nichts anderem hinterlegt ist, als dem Vertrauen ihrer Nutzer“. Im Spiegel (und anderen Medien) erkor man Bitcoin derweil zur Hackerwährung, während der heise-Newsticker„Zweifel an der zum Teil euphorischen Bewertung der virtuellen Währung“ anmeldete. Von Fool’s Gold war die Rede und das Handelsblatt titelte: „Geplatzt wie eine Seifenblase“.

Die Offenheit neuerer Medien scheint demgegenüber eine Berücksichtigung komplexer, technischer Details vorerst zu begünstigen. Im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Bitcoin kann man zurzeit die ‚Warnung‘ lesen: „This article may contain an excessive amount of intricate detail that may only interest a specific audience“. Jedoch erweisen sich hier Qualitätssicherung und Verifikation problematisch bzw. erfordern ihre Zeit. Man sucht nach einem „(…) expert on the subject. The specific problem is: The technical content might be inaccurate“. In Social News Media, wie Reddit.com vermehrten sich Einträge zum Thema rapide und es entstanden neue Subforen, wie r/Bitcoin und r/Bitcoinmining. Neben praktischen Informationen zum Mining von Bitcoin, beschäftigen sich auch die User des Social News Aggregators mit Fragen zum instabilen Wert der digitalen Währung, so etwa zum (zweifelhaften) Zusammenhang zwischen neuer Technik und Preisentwicklung: Will the release of ASIC miners cause the value of bitcoins to drop?.

Die immensen Preisschwankungen von Bitcoin sind in dieser Phase wenig überraschend und hängen mit dem stark spekulativen Charakter des in der Entwicklung befindlichen Bitcoin-Marktes zusammen. So prognostizierte Gavin Andresen, Co-Entwickler von Bitcoin bereits im Juli 2010:

„Bitcoin will get mentioned someplace with lots of readers, a bunch of those readers will like the idea and try to buy Bitcoins, their price will rise which will draw even more people to ‚invest‘, which will drive the price up even more… until people decide that the price isn’t going to rise anymore and everybody rushes to sell before the price drops“.

Nach anfänglichen Preisschwankungen zwischen zwei und 30 USD hatte sich der Preis für ein Bitcoin bis Juni 2012 bei ca. fünf USD stabilisiert. Wenig später begann der bis kürzlich anhaltende Anstieg. In der Zeit vom 10. bis 12. April 2013 fiel der Wert eines Bitcoin auf der Handelsplattform Mt.Gox zeitweise von 266 USD auf 54 USD. Ursache war hier nicht, dass die Bitcoin-Akteure keinen Preisanstieg mehr erwarteten. Vielmehr gaben technische Schwierigkeiten bei der Nutzung der Webseite Anlass für den Verdacht einer gezielten Überlastung des Servers (Distributed Denial of Service-Attack). Man war somit um die Sicherheit seines Bitcoin-Vermögens besorgt. Es folgte ein panikartiger Verkauf der Währung, dem Mt.Gox am 12. April mit dem Statement begegnete:

„(…) we would like to reassure you but no we were not last night victim of a DDoS but instead victim of our own success! Indeed the rather astonishing amount of new account opened in the last few days added to the existing one plus the number of trade made a huge impact on the overall system that started to lag. As expected in such situation people started to panic, started to sell Bitcoin in mass (Panic Sale) resulting in an increase of trade that ultimately froze the trade engine!“

Die starken Kursschwankungen sind zu erwartende Begleiterscheinungen der Etablierungsphase von Bitcoin. Entscheidend für die Stabilität und den Erfolg der Währung sind sie nur insofern, als sie einen Vertrauensverlust innerhalb des bestehenden Bitcoin-Netzwerks verstärken und den weiteren Ausbau von Kooperationspartnern hemmen können. Wie das oben erläuterte Beispiel zeigt, sind die derzeitigen Bitcoin-Akteure ohnehin hochsensible für jegliche Irregularitäten, die einen Kollaps des Marktes indizieren könnten. Hinzu kommt: von einzigartigen, jedoch illegalen Marktplätzen wie der Silkroad abgesehen, beschränken sich bisherige Zahlungsmöglichkeiten mit Bitcoin vorwiegend auf Online-Plattformen. Nur eine Avantgarde von Anbietern materieller Güter wiegt das hippe Image der Währung gegen das durch Kursschwankungen bedingte Risiko auf. Bereits seit November 2012 können WordPress-Funktionen mit Bitcoin erworben werden, erst im Februar 2013 machte es Reddit.com möglich, die interne Währung ‚Reddit-Gold‘ in Bitcoin zu bezahlen. Zurzeit diskutieren Western Union Co. und MoneyGram International Inc. Möglichkeiten, Bitcoin in ihre Geschäftsmodelle zu integrieren.

Bisher ist jedoch ein erheblicher Teil der Nutzung spekulativ und die kommerziellen Einsatzmöglichkeiten bleiben gering. Es gibt letztlich nur wenig Anreiz Bitcoin zu erwerben, um damit (legale) materielle Produkte zu bezahlen. Ein Ausbau des Bitcoin-Netzwerkes, der geringe Transaktionskosten sicherstellt und vor allem den Anbieterkreis für Bitcoin-Zahlungen erhöht (und somit Konsum durch Bitcoin-Zahlungen ermöglicht) ist insofern entscheidend für den langfristigen Erfolg der Währung.

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Ein Gedanke zu „Bitcoin ‒ ein Experiment hofft auf ein Netzwerk

  1. Toller Artikel, vielen Dank dafür! Ich gehöre ehrlicherweise gesagt zu denjenigen, die von vorneherein sehr skeptisch waren, ob sich hier wirklich das Netzwerk stabilisieren kann. Aber was spannend an Bitcoin ist, dass man hier in ‚digitaler Reinform‘ erleben kann, wie zentral Vertrauen als Währung in techno-ökonomischen Netzwerken ist.

    Die bisherigen Verrechnungsmöglichkeiten erinnern mich sehr an In-Game-Bezahlung… Allerdings hatte ich meine erste Begegnung mit Real-World-Zahlungsmöglichkeiten schon 2011 in einem Burgerladen in Berlin-Kreuzberg. Entscheidend wird wohl wirklich der — imho nach wie vor unwahrscheinliche — Sprung vom Kryptoanarchismus zu einer wirklichen Ersatzwährung sein, also der Sprung vom ökonomischen Spiel mit Einsatz zum Ernst des Bezahlens.

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