Taktiken der Ermüdung – „einbruch der dunkelheit“ in Berlin

Die Kulturstiftung des Bundes hat in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette an der Berliner Volksbühne am 25. und 26. Januar eine Konferenz mit dem Titel „einbruch der dunkelheit – Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle“ veranstaltet. Einige der Beiträge und zusätzliche Interviews mit Beteiligten können auf dctp.tv angesehen werden. Als dringliche Fragen wurden adressiert:

Wie sehen politisch emanzipatorische Gegenstrategien zu den Kontrollmechanismen der Sicherheitsgesellschaft aus? Bedarf es einer stärkeren demokratischen Kontrolle von Schutzräumen? Ist das Verlangen nach Privatheit lediglich regressiver Eskapismus oder kann es tatsächlich in die Freiheit führen? Wie sind neue Formen von Privatheit mit digital gestützten Praktiken politischer Partizipation vereinbar? Was sollte man als Bürger tun? (Auszug aus der Tagungsbroschüre)

GrußwortDie martialische Runenschrift weckte bereits im Vorfeld düstere Assoziationen, das konsequent in schwarz-gelben Warnfarben gehaltene Layout von Werbepostern, Website und Begleitmaterial wirkte alarmistisch. Unmissverständlich wird signalisiert: Hier soll dem technokratischen Totalitarismus des Digitalen der Kampf angesagt werden. Die Polysemie der Netzmetapher erlaubt eben auch die Auslegung, dass wir uns schon längst in ebenjenem Netz verstrickt haben, das bis heute noch weithin als Garant von Demokratie und Freiheit gilt. Das Who is Who der Berliner Digitalavantgarde war anwesend und wurde in teils abenteuerlichen Konstellationen mit PhilosophInnen, Politikwissenschaftlern, Juristen, PublizistInnen und SchriftstellerInnen in Panels zusammengebracht, deren übergeordnetes Ziel wohl als Bestandsaufnahme der generellen Befindlichkeit der Post-Snowden-Ära gelten durfte. Um es vorab zu sagen: Das Ziel wurde erreicht, allerdings nicht immer auf Wegen, die von den Veranstaltern intendiert gewesen sein mögen.

Hybrid-Workspace-fullNeben den Diskussionen auf der Hauptbühne im Sternfoyer gab es durchgängig Workshops in einem parallelen Stream, die von Kryptoparties über philosophische Diskussionen zum Thema „digitale Sprache“ bis hin zu Bewegungstraining zur Selbsterfahrung als Alternativangebot zu Quantified Self reichten, sowie am zweiten Tag ein künstlerisches Begleitprogramm im dritten Stock mit Lecture Concerts, Lichtbild-Vorträgen und Filmvorführungen. Die andCompanyKonferenz war gut besucht, das Publikum (wie in der Abschlussrunde am Sonntag von einem Publikumsmitglied festgestellt wird) allerdings recht homogen – hip, Teil eines bestimmten Berliner Milieus, „digital natives“ – immerhin mehrerer Altersgenerationen.

Der Eröffnungsvortrag von Evgeny Morozov war fulminant und überschattete in analytischer und rhetorischer Präzision die nachfolgenden Panels. Morozov stellt fest, dass die Reaktionen auf die Snowden-Enthüllungen sich im Wesentlichen auf drei Felder beschränkt haben: auf die Entwicklung technischer Lösungen, z. B. von Verschlüsselungssoftware für individuelle Nutzer, auf gesetzliche Reformbestrebungen, und auf infrastrukturelle Alternativen mit dem Ziel der De-Amerikanisierung des Internets, was auf eine Balkanisierung hinauslaufen könnte. Im Zentrum dieser Agenden stehe jeweils eine Vorstellung von Autonomie und von Rückgewinnung der Kontrolle, z. B. über die eigenen Daten („Meine Daten gehören mir.“). Morozovs Gegenvorschlag geht dahin, den weiteren ökonomischen und auch politischen Kontext stärker zu berücksichtigen. Die rein transaktionale Logik der kapitalistischen Warenökonomie werde dazu führen, dass auch eine Änderung der Eigentumsverhältnisse an Daten kaum substanzielle ProgrammVeränderungen mit sich bringt. Wenn mir meine Daten selbst gehören (und das wäre wesentlicher Bestandteil der meisten Hacker-Utopien), werde ich sie – so Morozovs These – bei nächster Gelegenheit an den Meistbietenden verkaufen, weil sie zum Zahlungsmittel geworden sind. Auf politischer Ebene sei zudem ein Optimierungsdenken dominant geworden, das dazu führe, dass strukturelle Änderungen ausbleiben, weil Verantwortung auf die Individuen abgewälzt werden kann (Analogie ist hier die Energiesparlampe im Klimawandelprozess, die die Großindustrie entlastet). Auf der Kritik-Seite war Morozovs Einstand stark, bei den gangbaren alternativen Lösungswegen wurde es notwendigerweise diffuser. Jedenfalls sei nach nicht-ökonomischen Logiken zu suchen, die den Umgang mit Daten bestimmen könnten. Der Diskussionspartner Jan Philipp Albrecht, grüner Europaparlamentarier, wirkte dagegen blass und erschöpft. Etwas unfair ist der direkte Vergleich natürlich, weil Albrecht dem politischen Tagesgeschäft verpflichtet bleibt und sich für eine europäische Datenschutzgesetzgebung aufreibt, während Morozov als kompromissloser Kritiker sprechen kann (entsprechend leicht fiel es Morozov dann auch, eine Wortmeldung eines Regierungsmitarbeiters als bürokratistisch abzuschmettern). Dennoch scheint eine gewisse konzeptuelle Hilflosigkeit nicht von der Hand zu weisen zu sein, wenn Albrecht eine „digital declaration of independence“ fordert und damit genau jene Grenzziehung zwischen einer autonomen technischen Sphäre und dem Gesellschaftlich-Politischen wieder vornimmt, die Morozov als illusionäre Zwei-Welten-Theorie gerade entlarvt hatte. In vielerlei Hinsicht erinnert die Auseinandersetzung an die Technokratie-Debatte der 1960er, und Morozovs Einforderung des großen Ganzen lässt einen elephant in the room auftauchen, der sich erst im Abschlusspanel noch einmal im Licht zeigen wird: Marx und seine Kritik der politischen Ökonomie.

Die nachfolgenden Panels des ersten Tages konnten das erreichte Diskussionsniveau nicht mehr erreichen. Volker Gerhardts trocken-akademische Ausführungen zur unhintergehbaren Öffentlichkeit des Bewusstseins – die sein ihm beflissen beipflichtender Gesprächspartner Jens Best nicht im Ansatz verstanden zu haben schien und durch eigene Beiträge noch randomisierte – konnten wenig zur Fragestellung der Veranstaltung beitragen. StäheliUrs Stäheli und Eleanor Saitta sprachen recht sachlich, aber ohne größere Aha-Momente über Strategien der Ent-Netzung. Das sich anschließende Panel zur Politik des Schlafs habe ich leider nicht mit voller Aufmerksamkeit verfolgen können (was möglicherweise – Stichwort: Siesta als widerständige Praxis – als subversiver Erfolg verbucht werden kann). Überhaupt, die Themen Übermüdung, Erschöpfung, Schlaf waren ein Schwerpunkt der Konferenz und tauchten auch an unerwarteten Stellen wieder auf. Liegt hier möglicherweise ein taktisches Potenzial in der „Müdigkeitsgesellschaft“ (Byung-Chul Han)? Deutet sich im Schlaf  eine Möglichkeit des Rückzugs, ein „Refugium“ an oder wird er (Quantified Self) gleichermaßen zur optimierbaren Ressource? Oder lässt sich der Themenschwerpunkt auch anders deuten: Sind wir mittlerweile schon so übersättigt von Überwachungsskandalen, der 24/7-Always-On-Gesellschaft und dem ständig rotierenden digitalen Hamsterrad, dass wir einfach eine Pause brauchen?

SterlingEinen Tiefpunkt erreichte die Veranstaltung am Abend mit einem zynisch-arroganten Rundumschlag von Bruce Sterling, texanischer Science Fiction-Autor und „Futurologe“, der sich in einer Form von Publikumsbeschimpfung erging, die in völliger Unkenntnis von politischen und gesellschaftlichen Strukturveränderungen historische Parallelen zur Auflösung des Ostblocks zog, die zur Folge hätten, dass wir es doch alle wirklich besser wissen müssten. Das Publikum beklatschte artig die eigene Erniedrigung. Nachrednerin Mercedes Bunz war davon sichtlich aus dem Konzept gebracht, Marina Weisbands idealistischer Eifer (nach dem Motto „Wir müssen die Bildung verbessern“) im anschließenden Podiumsgespräch wirkte in diesem Kontext eher naiv. Am Ende des Tages stand die neo-ludditische Intervention einer Teilnehmerin, die mit großem emotionalen Einsatz darauf hinwies, dass ja keiner gezwungen sei, Facebook (oder Computer?) zu benutzen.

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Am zweiten Tag präsentierten Dietmar Dath und Swantje Karich eine um ästhetische und gesellschaftspolitische Reflexionen angereicherte Diashow, die durchaus unterhaltsam und sehr geistreich war, aber auch kaum auf zentrale Fragestellungen herunterzubrechen. Transparenz-PanelIm Anschluss debattierten Micah L. Sifrey, Jacob Appelbaum und Christoph Bieber über Transparenz als politisches Thema und die diversen Bewegungen, die sich um diesen Kampfbegriff herum gruppieren (von Wikileaks über Anonymous bis hin zur Piratenpartei). Bieber hatte dabei Schwierigkeiten, sich mit politischer Theorie einzubringen, die aktivistische Perspektive dominierte. Eine kleinere Kontroverse gab es um das Verhältnis von digitalem zu klassischen Formen des Aktivismus – Appelbaum hält Leaks und die Entwicklung von Tools zur sicheren Kommunikation für wichtiger, während Bieber auf der Bedeutung von Straßenprotesten und Massenkundgebungen insistierte. Appelbaum war insgesamt sehr diplomatisch, lobte die Piraten über den grünen Klee, rührte vehement die Werbetrommel für die Arbeit Sarah Harrisons (britische Journalistin, Wikileaks-Mitarbeiterin, enge Vertraute von Julian Assange und Snowden-Unterstützerin) und wies mehrfach auf den kollektiven Charakter seiner Projekte hin.

Der Züricher Netztheoretiker Felix Stalder trug danach seine recht grundsätzlichen Thesen zum Verhältnis von Macht und Transparenz vor, die auch gut zu Beginn des ersten Tages hätten stehen können, um ein begriffliches Framework für die anschließenden Debatten zur Verfügung zu stellen. Kernthese ist die Annahme Büchereckevon zwei verschiedenen Machttypen (souveräne, institutionalisierte Macht und ein Machttypus, der sich eher an Foucaults Mikrophysik der Macht anlehnt und in Netzwerken wirksam wird), die von Transparenz in fundamental verschiedener Weise betroffen sind. Während institutionelle Macht von Transparenz kontrolliert werden kann, wirkt sie im Falle der in Netzen dezentral organisierten Macht eher verstärkend. Transparenz ist gleichsam das Schmiermittel der kybernetischen Steuerungslogik, wie unter anderem tiqqun, kürzlich aber auch Hans-Christian Dany argumentiert haben. Stalders Vorschlag zielt auf reziproke Transparenz – wobei die konkrete technische Implementierung oder auch politisch gangbare Wege zu einer solchen Leitvorstellung nicht Thema waren.

Sehr gelungen wiederum war das Abschlusspanel (Teilnehmer: Robert Pfaller, Anke Domscheit-Berg und Christoph Kappes), das gleichsam die Aufgabe des Rezensenten vorwegnahm und einen ersten Tagungsrückblick wagte. Pfallers entwaffnende Wiener Charmeoffensive griff noch einmal zentrale Stränge der vorangegangen Debatten auf (Kommerzialisierung, repressive vs. ideologische Macht, Datenexhibitionismus) und brachte Marx explizit ins Spiel, wenn er von „Datenarbeit“ sprach und Vergleiche zur ursprünglichen Akkumulation und der damit verbundenen „doppelten Befreiung des Arbeiters“ zog. Letztendlich zog er sich dann aber auf sein angestammtes Terrain (die Frage nach der Höflichkeit in Zeiten von Wikileaks, um es mit Slavoy Žižek zu sagen) zurück und betonte die Wichtigkeit der öffentlichen Person des Bürgers angesichts der grassierenden „Tyrannei der Intimität“ (Sennett). Die Gegenrede lieferte Domscheit-Berg, die den Nutzenaspekt der sozialen Netzwerke herauskehrte („In 5 Millisekunden können wir mit jedem Menschen auf der Welt verbunden sein“) und die segensreichen Wirkungen der Vernetzung an vielen Beispielen beschrieb. Interessant die von ihr selbst ins Spiel gebrachten biografischen Bezüge: Als Studentin mit der Stasi in Konflikt, hat Domscheit-Berg eine anhaltende Skepsis gegenüber staatlichen Überwachungsprogrammen, während privatwirtschaftliche (Facebook, Google & Co.) tendenziell besser wegkommen. Wohltuend dann die vermittelnde Intervention von Kappes („Ich habe das Gefühl, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt.“) – hier ist das Panelkonzept voll aufgegangen. Er merkte kritisch ungeklärte Begriffe an, die zu Missverständnissen auf der Konferenz geführt hätten und vermisste den großen Wurf oder Impuls, der von einer derart besetzten Veranstaltung zu erwarten gewesen sein könnte.Workspace-empty

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Konferenz sehr große Themen angegangen ist und wie zu erwarten keineabschließenden Antworten liefern konnte. Spannend war die Beobachtung des Zusammenspiels und gelegentlich harten Antagonismus von wissenschaftlichen, aktivistischen, politischen und künstlerischen Positionen. Am Ende soll daher kein Fazit, sondern eine Fragensammlung stehen, die ich aus eigenen Beobachtungen und einzelnen Wortmeldungen aus dem Publikum synthetisiert habe.

Fragensammlung

Wie sähen Alternativen zum gängigen transaktionalistischen Paradigma der Datenverwertung aus? Sind „Fairtrade-Daten“ oder „nachhaltige“ Datenökonomien denkbar? Brauchen wir gar einen Datenkommunismus? Wäre ein solcher (wie auch immer er aussehen mag) mit Konzepten von Privatheit zu vereinbaren?

Wer ist mit dem gern gebrauchten Tagungs-„Wir“ eigentlich gemeint? Gibt es eine gemeinsame politische Agenda? Oder zumindest einen kleinsten gemeinsamen Nenner?

Inwiefern kann digitale Selbstdisziplin als Problemlösungsstrategie erscheinen und bis zu welchem Anteil braucht es strukturelle Veränderungen, um Öffentlichkeit unter digitalen Bedingungen möglich zu machen und gleichzeitig zu schützen?

Wie können Gegenstrategien gegen ideologische bzw. dezentral in Netzwerken organisierte Macht aussehen? Brauchen wir mehr horizontale Vernetzung oder im Gegenteil Ansätze zur Ent-Netzung? Müssen wir zu Schläfern werden, wie das Konferenzprogramm nahelegt?

Sollte es ein Grundrecht auf gesellschaftliche Teilhabe ohne Computer geben, also ein Recht auf eine Offline-Existenz? Wie ist es zu bewerten, dass heute elementare Kulturtechniken auf technische Infrastrukturen und permanente Updates angewiesen sind? Wie verhält sich diese Forderung zur gegenläufigen nach einem Grundrecht auf Internetanschluss?

4 Gedanken zu „Taktiken der Ermüdung – „einbruch der dunkelheit“ in Berlin

  1. Wenn es nur mehr Tagungsberichte dieser Art gäbe – vielen Dank, lieber Timo!

    Der Schläfer ist ja eine Figur, dessen Handeln in einem Netzwerk auf zeitlicher Asynchronität beruht – man aktiviert sich/ihn im richtigen Moment, zumindest nach Geheimdienst- und Militärlogik. Ich weiß nicht, ob das eine zivilgesellschaftliche taktische Ressource ist. Viel eher produziert ja der Aktivismus normalerweise eine alarmierten Dauerzustand, der dann wieder in Erschöpfung umschlagen muss. Allerdings scheint es im Moment wirklich so etwas wie eine Suche nach neuen zielführenden Umwegen zu geben: Die Berliner Gazette setzt(e) auf verheimlichende Komplizenschaft, die re:publica will gar in die Wildnis, into the wild. Unbehagen, Ausweichbewegungen, temporärer Schlaf, entnetztes Flüstern jenseits der Datenströme…

  2. Pingback: Axel Wandtke liest aus HAUS DER HALLUZINATIONEN auf der Konferenz “Einbruch der Dunkelheit” | popp-ART

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