„Netzwerke überwachen“ – die AG auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft

Netzwerke überwachen Netzwerke: Ein geheimdienstlicher Verbund aus „fünf Augen“ zapft materielle Netzwerke an (Unterseekabel), schöpft digitale Netzwerke ab (Google, Facebook), um Metadaten zu sammeln, die Auskunft geben über (terroristische und
andere soziale) Netzwerke. Vor diesem Hintergrund wollen wir die verschiedenen Wissensordnungen von Netzwerken und ihre Daten-Praktiken diskutieren. Vier Referate laden zu einer ausführlichen Diskussion ein.

Wir freuen uns sehr, dass das von der AG Daten und Netzwerke vorgeschlagene Panel „Netzwerke überwachen“ Teil der GfM-Jahrestagung Medien|Recht sein wird. Das gesamte Programm wird im Juni veröffentlich, die Tagung selbst findet vom 2. bis 4. Oktober in Marburg statt.

ModeratorIn: Sebastian Gießmann (Siegen)
Panelverantwortlicher: Dietmar Kammerer (Marburg)

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Dietmar Kammerer (Marburg)
Daten: Ressourcen, Personen, Spuren

Im Kontext von Überwachung und Kontrolle werden Daten in unterschiedliche metaphorische Gewänder gekleidet: Im »data mining« sind Daten natürliche Ressourcen, die darauf warten, der Erde entrissen zu werden; im »data double« bzw. »shadow« wird das spätromantische Narrativ aufgerufen, wonach Daten als phantomhafte Doppelgänger über reale Körper Macht gewinnen; in der Rede von den
»persönlichen« Daten schließlich wird an »personenbezogene« bzw. »personenbeziehbare« Daten ein Anspruch des Individuums auf sein Eigentum artikuliert. Das Impulsreferat geht diesen Metaphern nach und stellt, pointiert formuliert, die Frage: Warum und wodurch haben Daten eine »Persönlichkeit« bekommen?

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Christoph Engemann (Leuphana Universität Lüneburg)
Netze vor den Netzen

Mark Granovetters „strenght of weak ties“ von 1977 wird häufig als Ausgangspunkt von Analysen sozialer Netzwerkstrukturen gefasst. Der Beitrag soll der erstaunlichen Karriere von Granoveters Konzept der ‚weak ties‘ nachgehen und dabei erstens untersuchen, welche medialen Voraussetzungen des Anschreibens und Visualisierungen sozialer Netze Granovetter vor den digital networks nutzt und zweitens danach fragen, welche Rolle Granovetters Einbettung in sozialstaatliche und soziologische Stratifikationsdiskurse für das verständnis seines konzepts hat. Schliesslich soll nach der Automatisierung und Implementierung von Beobachtungsformaten der weak-ties unter digitalen Netzwerkbedingungen gefragt werden.

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Irina Kaldrack (Leuphana Universität Lüneburg; Digital Cultures)
Daten schürfen

Data-Mining verspricht, aus einem Bestand großer Daten „neues“ Wissen zu generieren – nicht nur quasi automatisch, sondern auch pro-aktiv, d.h. ohne Ausgangshypothese. Der Beitrag skizziert die mathematischen Prinzipien der gängigen statistischen Data Mining-Verfahren und umreißt deren Genealogien. Gefragt wird, wie data-mining als eine Art „eierlegende Wollmilch-Sau“ des Umgangs mit großen Datenmengen charakterisiert werden kann.

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Samuel Sieber (Zürich, Institute for Cultural Studies in the Arts, ZHdK)
Netz und Netzwerk. Überlegungen zur Gouvernemedialität der Gegenwart

Netze und ihre Vernetzung befinden sich in einer Krise – als Denkbild digitaler Medien, vor allem aber als Figuren sozialer, partizipativer oder gar politischer Kommunikation und Kooperation. Spätestens die Skandalisierung der Überwachungs- und Verdatungspraktiken staatlicher Geheimdienste weltweit hat die einst hoffungsvoll als rhizomatisch oder demokratisch imaginierten Mediennetze als Netzwerke entlarvt, näherhin als machtvolle, kontrollierte und also regierbarere Mediendispositive. Doch die politische Dimension medialer Netze verliert sich nicht in den ‚polizeilichen‘ Taktiken und Diskursfiguren einer jüngeren, d.h. stark neoliberalistisch konnotierten Gouvernemedialität: Die beschleunigte Flexibilisierung und Mobilisierung digitaler Kommunikation – etwa im Namen einer vermeintlichen Individualisierung der Mediennutzung – bedeutet nicht bloss die gleichzeitige Verfeinerung und Verbreitung gouvernementaler Steuerungs- und Kontrollmechanismen, sondern verweist vielmehr auch auf deren beständiges Scheitern. Denn gerade in den digitalen Netzen zeichnen sich beständig Widerstände, Fluchtlinien und selbsttechnologische Potentiale ab, die den übercodierenden und reterritorialisierenden Diskursfiguren des Netzwerks und seiner Regierung wie Überwachung vorausgehen. Eine ‚Entwerkung‘ der (digitalen) Netzwerke – ähnlich der Dekonstruktion der Gemeinschaft im Sinne Jean Luc Nancys – scheint deshalb angezeigt.

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