Was wir im letzten Jahr getan haben – Bericht für die Gesellschaft für Medienwissenschaft

Drei Vorhaben standen im Mittelpunkt der AG „Daten und Netzwerke“, deren Größe auf 59 Mitglieder angewachsen ist (Stand: Juli 2014). Zum einen haben Marcus Burkhardt und Sebastian Gießmann die Ergebnisse des ersten gemeinsamen Workshops „Was ist Datenkritik?“ (Köln, 26/27. Juli 2013) zur Publikationsreife gebracht: Die Beiträge von Florian Sprenger, Florian Püschel, Irina Kaldrack/Christian Köhler, Annika Richterich, Johannes Paßmann/Carolin Gerlitz und Valentin Dander werden 2014 im Online-Journal „Mediale Kontrolle unter Beobachung“ auf www.medialekontrolle.de publiziert.

Die bewusst offen gehaltene Frage des Workshops lässt sich, so ein erstes Zwischenfazit, noch nicht vollumfänglich beantworten. Methodisch wählen die meisten Beiträge einen praxeologischen Ansatz, der dem „Datenhandeln“ (Kaldrack/Köhler) auf sozialer, technischer, diskursiver und ästhetischer Ebene folgt. Eine genuin neue Medienanalytik für den instabilen Erkenntnisgegenstand der „Daten“ ist vorerst noch nicht in Sicht – auch wenn international bereits die Konturen neuer „data studies“ im Angesicht von „Big Data“ absehbar sind und der vermehrte Einsatz digitaler Methoden in der Medienwissenschaft eine neue wissenschaftsinterne Form des Agierens mit Daten hervorbringt.

Genau dieser Herausforderung widmete sich der zweite, von Marcus Burkhardt, Theo Röhle und Rámon Reichert organisierte Workshop der AG, dessen Titel „Reverse Engineering Digital Methods“ eine methoden- und datenkritische Haltung mit praktischen Fragen verband (Lüneburg, 12./13. Juni 2014). Carolin Gerlitz stellte hierfür die in der Amsterdamer Digital Methods Initiative entstandenen Tools zur Erforschung digitaler sozialer Medien – und insbesondere von Twitter – vor. Digitale Plattformdaten, wenn man einmal mit ihnen zu arbeiten beginnt, reorganisieren offenbar Forschungsprozesse und lassen die Instabilität des „Sozialen“ in sozialen Medien zum forschungspraktischen Problem werden.

Reverse Engineering Digital Methods

Plakat zum 2. Workshop der AG: Reverse Engineering Digital Methods

In einer selbstreflexiven Wendung problematisierte Jan-Hendrik Passoth (Siegen/Berlin) die von ihm diagnostizierte Konjunktur digitaler Methoden in der Medienwissenschaft, v.a. des Einsatzes von Netzwerkvisualisierung mittels der Software Gephi. Sein „agnostischer“ Befund aus Sicht der Science and Technology Studies wurde dabei zwiespältig aufgenommen: Der von Passoth ausgemachten Bewegung, die von Einzelfall, Original und Hermeneutik hin zu neuen datenbasierten Evidenzpraktiken der Medienforschung führt (etwa bei Lev Manovich), stehen die neueren qualititativen medienwissenschaftlichen, techniksoziologischen und ethnologischen Ansätze gegenüber, in denen dieser Transfer methodenreflexiv gehandhabt wird.

Johannes Paßmann (Siegen) demonstrierte ebendies anhand seiner Feldforschung zur „Favstar-Sphäre“ deutschsprachiger Twitterer und dem Einsatz von Gephi als einem Informanten darin. Cornelius Schubert (Siegen) intervenierte mit Reflexionen zu den epistemischen Praktiken eines solchen Vorgehens in der Forschung. Abschließend diskutierte Martin Gasteiner (Wien) anhand verschiedener von ihm realisierter Projekte im Bereich der digitalen Geschichtswissenschaften die Chancen und Herausforderungen digitaler Medientechnologien für die Konstruktion historischer Quellen, ihre editorische Aufarbeitung und Webpräsentation, bei der bemerkenswerterweise u.a. auch auf die Visualisierungssoftware Gephi zurückgegriffen wird. Debattiert wurde dabei, auf welche Art und Weise das Kriterium „digitaler Methoden“ im Sinne von Digital Humanities die wissenschaftliche Förderlandschaft umstrukturiert.

Um ebendieser wissenschaftspolitischen, aber auch wissenskulturellen Verschiebung medienwissenschaftliche Konzepte entgegensetzen zu können, hat die AG seit der Jahrestagung 2013 in Lüneburg ein Positionspapier zu „Medienwissenschaft und Digital Humanities“ entwickelt und ausführlich offline und online diskutiert. Die finale Version soll auf der Jahrestagung „Medien | Recht“ in Marburg 2014 verabschiedet und anschließend publiziert werden.

Die Aktivitäten der AG können zeitnah über unsere Mailingliste (Abonnement per Mail an Sebastian Gießmann oder Irina Kaldrack) und unser gemeinschaftliches Weblog verfolgt werden, für das wir uns immer über Beiträge freuen: https://datanetworks.wordpress.com.

Laufende Arbeiten können zudem auf unserem Etherpad im Quelltext eingesehen werden – auch hier wiederum mit der herzlichen Einladung zum Mitmachen: https://pad.foebud.org/agdn.

Sebastian Gießmann (giessmann@medienwissenschaft.uni-siegen.de)
Irina Kaldrack (kaldrack@leuphana.de)

Dieser Artikel erscheint auch in den GfM-Mitteilungen 2014.

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