CfP: Netzwerke (revisited)

4. Workshop der AG Daten und Netzwerke am 19. und 20. Mai 2016, Ruhr-Universität Bochum

In zahlreichen Kontexten bedeutsam und vielfach präsent, scheinen Netzwerke immer noch allgegenwärtig zu sein. Doch schon 2007 bezeichnete Erhard Schüttpelz sie als „semantisches Leitfossil“. Mal technisch, mal ökonomisch, mal sozial konnotiert, ist der Netzwerkbegriff zu einem Paradigma geworden, das technisches Verständnis und gesellschaftliches Handeln miteinander verschränkt. Obwohl der Netzwerkbegriff als solcher nach wie vor Konjunktur hat, lässt sein universelles Potential, die Lebenswelt der Postmoderne erklären zu können, mehr und mehr nach. Der Workshop der AG Daten und Netzwerke (der Gesellschaft für Medienwissenschaft) nimmt diese Entwicklung zum Ausgangspunkt, sich mit den Potentialen, aber auch Grenzen des Netzwerkbegriffs und seiner Anwendbarkeit auf zeitgenössische Medienpraktiken zu beschäftigen. Ziel des Workshops ist es, sowohl nach der historischen Entwicklung des Begriffs, den verschiedenen Semantiken und handlungspraktischen Dimensionen von Netzwerken zu fragen, als auch Konzepte und Modelle zu diskutieren, die diese variieren bzw. ablösen können.

Seinen Ursprung hat der Netzwerkbegriff in der Wissenskultur der Frühen Neuzeit. Mit den materiellen Versorgungssystemen der beginnenden Moderne (Elektrizität, Telegraphie, Verkehr u.a.) wird er zum strukturellen Moment. Zusätzlich gewinnt bald eine weitere Bedeutungsebene an Relevanz: Netzwerke dienen als Beschreibungsmodell des sozialen Miteinanders. Im beruflichen Umfeld werden sie als Baustein für Karriere verstanden, im persönlichen Erleben sind sie wesentlicher Teil kommunikativen Handelns, wenn man die sogenannten „sozialen Netzwerke“ und andere Anwendungen des Web 2.0 in den Blick nimmt. Der Aufstieg des Netzwerkbegriffs wird begleitet von einer rhizomatischen Überlagerung dieser Bedeutungsebenen, die sich nun nicht mehr länger semantisch trennscharf unterscheiden lassen und insbesondere die poststrukturalistische (Medien)Philosophie prägen. Die Ubiquität des Netzwerkbegriffs zeigt sich nicht nur in seiner Verbreitung in der Alltagssprache, in der sich medial-materielle Verknüpfungen mit sozialen Beziehungsmustern verwoben haben, sondern insbesondere in seiner scheinbaren Allgegenwart in den Wissenschaften, in denen dieses Bedeutungsspektrum um ein Oszillieren zwischen Metaphorik, modellierendem und simulierendem Analysetool und Beobachtungsperspektive erweitert worden ist. Hier ist es nicht zuletzt die Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour, Callon), die zum Aufschwung eines praxeologischen, auf hybride Übersetzungen zielenden Netzwerkbegriffs beigetragen hat.

Der vierte Workshop der AG Daten und Netzwerke setzt auf einen produktiven und intensiven Austausch. In diesem Zusammenhang sind mögliche Fragestellungen und Themen des Workshops:

  • Arten von Netzwerken
  • Semantiken von Netzwerken
  • historische Dimensionen von Netzwerken
  • Momente der Störung in Netzwerken
  • Netzwerkanalyse und digitale Methoden in der Medienwissenschaft
  • medienmaterielle Anwendungen: Graphentheorie in den Wissenschaften und Graphenpraxis als Grundlage von Social-Media-Plattformen
  • Verhältnis des Netzwerkbegriffs zu Begriffen/Konzepten wie Plattform, Infrastruktur, Medienökologie
  • Zusammenspiel von Netzwerken mit Protokollen und Datenbanken
  • Netzwerke und Macht
  • Metaphoriken und Imaginationen von Netzwerken

Um ausreichend Zeit für Diskussionen zu gewährleisten, sieht das Konzept des Workshops vor, dass alle Beiträge vorab in Form eines Papers eingereicht werden, so dass alle Teilnehmer_innen die Beiträge im Vorfeld vorbereiten können. Im Workshop wird dann jeder Beitrag nur noch durch eine prägnante Zusammenfassung eingeleitet.

Abgabe der Vorschläge/Abstracts (max. 300 Worte): 15. Januar 2016
Auswahl und Information der Teilnehmer_innen: 15. Februar 2016
Abgabe der fertigen Beiträge (max. 3000 Worte): 15. April 2016
Workshop: 19. – 20. Mai 2016, Ruhr-Universität Bochum

Einreichungen bitte an: Katja Grashöfer (katja.grashoefer@rub.de) und Bianca Westermann (bianca.westermann@rub.de)

 

Valentin Dander: Von der ‚Macht der Daten‘ zur ‚Gemachtheit von Daten‘. Praktische Datenkritik als Gegenstand der Medienpädagogik

In contrast to the approaches used in media studies, data critique in media pedagogy is conceptualized in analogy to competence-based media critique and connected to individual and collective agency. This leads to productive aspects of data critique that emerge alongside its negative-critical orientation. Open Government Data thereby appear as an apt field for experimentation towards the competencies necessary for practical data critique.
(Paper in German | Discussion)

Annika Richterich: Google Trends: Using and Promoting Search Volume Indicators for Research

This paper discusses methodological research developments related to the web service Google Trends. It reflects on the implications of data evaluation based on search engine queries. Recent methodological developments in quantitative research design can be traced back to the establishment of search engines as main gateways to online content. While Google Inc. uses its own received web search queries in order to maintain more specific services, such as the epistemological surveillance platform Google Flu Trends, it also presents excerpts from its databases publicly in Google Trends. The service indicates, for example, how frequently a search-term has been entered in Google, and where this query can be geographically located. Information on actual search volumes is not provided, however. Recent studies have drawn on Google Trends in order to analyse relations between these search volume indications and developments such as stock market moves. What is presented to the public and used in most of these studies, however, are merely surrogates and indicators of the original web search logs and search engine queries, rather than the data itself. Such developments should be seen critically, since the original data are exclusively available to respective media companies and selected scientists. Google Trends is supposed to communicate transparency and openness. As a symbolic gesture, it implies that Google ‘hands back’ parts of the user-generated search engine data to the public. Applications such as Google (Flu) Trends are staged as philanthropic investment, but are only one out of the many data mining possibilities that are based on the users automatically paying their search engine queries with the data they leave behind.
(Paper in German | Discussion)

Florian Püschel: Big Data und die Rückkehr des Positivismus. Zum gesellschaftlichen Umgang mit Daten

In order to develop some sort of provisional Data Critique, it seems necessary to identify the central concerns and issues that such an approach would have to cover. Looking at various stereotypes about „data“ in the public discourse, it becomes clear that a positivist tendency exists that obscures the real causes of the social problems associated with new data technologies. Given the increasing societal impact of Big Data applications, it is also necessary to develop a better vocabulary for describing the different ways in which data is handled. This article proposes that the vocabulary of Niklas Luhmann’s systems theory provides a useful conceptual basis for differentiating between the various ways in which data is recontextualized.

(Paper – in German | Discussion)

Reverse Engineering Digital Methods. Workshop, 12./13. Juni 2014

2. Workshop der AG Daten und Netzwerke

Centre for Digital Cultures
Leuphana Universität Lüneburg
Sülztorstr. 21-25 (Post)

Reverse Engineering Digital MethodsMit der jüngsten Konjunktur der Digital Humanities und der damit einhergehenden methodologischen, heuristischen und förderpolitischen Neuorientierung scheinen die Geistes- und Kulturwissenschaften nun endgültig im digitalen Zeitalter angekommen zu sein. Dabei sind die Konturen des „digitalen” Forschungsparadigmas noch weithin unscharf. Dies stellt auch für die Medienwissenschaften eine Herausforderung dar, die sich an der Schnittstelle von Geistes- und Kulturwissenschaften einerseits und Sozialwissenschaften andererseits mit der Frage konfrontiert sehen: Welche neuen Wege der Forschung können mit digitalen Medien beschritten werden und welche neuen Erkenntnisse zu Tage gefördert? Aber auch: Welche neuen Kompetenzen müssen Medienwissenschaftler_innen erwerben, um digital forschend tätig zu sein? Zugleich drängt sich die Frage nach der medialen Bedingtheit des digitalen Forschungsparadigmas auf: Auf welche Weise strukturieren technische Infrastrukturen und digitale Forschungspraktiken das Wissen, welches aus ihnen hervorgeht? Weiterlesen

Was ist Datenkritik? Workshop in Köln, 26./27. Juli 2013 (Update)

Daten, Daten, nichts als Daten? Diese Frage ist Symptom einer sich wandelnden Medienkultur in der scheinbar Nichts und Niemand der Verdatung entrinnen kann und in der alles Wissen in den Daten zu liegen scheint. Gerade deshalb bedarf es einer kritischen und differenzierten Auseinandersetzung mit Datenpraktiken.

Am 26. und 27. Juli 2013 findet daher der erste Workshop der AG Daten und Netzwerke der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Thema „Was ist Datenkritik?“ statt. Bis Ende Mai sind vielfältige und facettenreiche Themenvorschläge bei uns eingegangen. Mittlerweile ist das Programm komplett. Wir freuen uns auf ein breites Spektrum von Beiträgen, die von grundlegenden Auseinandersetzungen mit Daten und Kritik über das Verhältnis von Daten zu Algorithmen bis hin zu Open Data und Data Literacy reichen. Das aktuell vieldiskutierte Phänomen Big Data wird sich dabei wie ein roter Faden durch den Workshop ziehen und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden.

Was ist Datenkritik? Workshop in Köln, 26. und 27. Juli 2013

Da die Workshopbeiträge vorab unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zirkuliert werden, bitten wir um eine formlose Anmeldung für den Workshop via Email an post@sebastiangiessmann.de und marcus.burkhardt@inkubator.leuphana.de.

Update 20.6.: Leider können Till Heilmann und Valentin Dander nicht teilnehmen. Wir freuen dafür sehr, dass Marian Steinbach als Open-Data-Experte Teil des Workshops sein wird!

Freitag, 26. Juli 2013
Universität Köln, Seminargebäude (Universitätsstraße 37), Raum S11

14:00

Entré, Vorstellung etc.

14:30

Sebastian Gießmann und Marcus Burkhardt: Einleitung

Datenkritik und Datenpraxis

15:00

Florian Sprenger: Zeit der Kritik

16:00

Yuk Hui: Data, Objects and Interobjectivity

17:00

Irina Kaldrack und Christian Köhler: Daten handeln. Zur Wissensordnung und Praxeologie des E-Commerce

18:00

Get together und Abendessen

Samstag, 27. Juli 2013
Universität Köln, Hauptgebäude (Albertus-Magnus-Platz), Alter Senatssaal

Die großen Versprechen großer Daten

10:30

Florian Püschel: Big Data und die Rückkehr des Positivismus. Zur Datengläubigkeit der Informationsgesellschaft

11:30

Markus Dirr: Big Data – Herstellung von Relevanz durch SocialMedia insbesondere durch SocialCuration und SocialCollaboration

12:30

Mittagessen

Algorithmen, Echtzeitanalysen und Data Literacy

14:00

Annika Richterich: Google Trends und Echtzeitanalysen. Zur Verwertbarkeit von Suchmaschinen-generierten Big Data

15:00

Johannes Paßmann: Datenkritik als praxeologische Kompositionskritik

16:00

Marian Steinbach: Offenes Köln

17:00

Zusammenfassung, Agenda, Ausklang

Ein Workshop der AG „Daten und Netzwerke“ in Zusammenarbeit mit der AG „Medien der Kooperation“ (Universität Siegen)

Datenkritik als Kritikkritik?!

Was ist Datenkritik? Diese Frage wurde bereits Anfang der 1990er Jahre von der Agentur Bilwet in einem kurzen Text aufgegriffen – jenem Zusammenschluss von Autoren und Forschern, der sich seit 1983 der „Ausübung der illegalen Wissenschaft“ verschrieben hat. In Vorbereitung auf den kommenden ersten Workshop der AG Daten und Netzwerke, der sich der gleichen Frage widmen soll, lag und liegt es Nahe, sich die Antwort der Agentur Bilwet anzusehen.

Dabei fällt jedoch schnell auf, dass für die Autoren weniger Daten ein Problem darstellen als die Kritik selbst. Durchaus polemisch unterziehen sie ‚die Kritik’ einer Kritik, für die Datenkritik eine Antwort sein soll:

Unter dem Regime des ahistorischen Materialismus ist nur die totale Datenkritik lebensfähig. Auch Filme sind bloß Information. Im heutigen Mediensystem ist Kritik an der Ausfüllung der Software nicht mehr abhandlungsfähig. Das ist schade, aber nicht aussichtslos. Warum ist ‚schön’ ungefährlich? Und ‚häßlich’ übrigens ebenso? Sowohl fiction  als auch reality  sind dem allmächtigen Medienbegriff untergeordnet. Es macht keinen Sinn, die einzelnen Medien zu kritisieren. Die Negation kann sich nur noch an dem boot- und rootsector der ganzen Medienscheibe orientieren. Datenkritik ist die Kunst der absoluten Informationsnegation. Sie ist keine Überlebensstrategie, sondern ein Frontalangriff. Datenkritik ist keine Attitüde, die man umgehen kann. Sie ist die Verneinung des Existierenden, sie fängt da an, wo Zynismus aufhört: Sie schiebt die Welt nicht zur Seite, sondern nimmt die Herausforderung des Unvorhersehbaren an. Für Daten gibt es keine Alternative. Man kann sie nur face-to-face, wie eine Medusa, anschauen.

Daten werden gegenüber Information in Stellung gebracht. Nach Ansicht der Autoren scheint sich Kritik, die sich auf dem Niveau von Information bewegt, in der Beliebigkeit, der Austauschbarkeit und den Moden von Meinungen und Gegenmeinungen zu verirren. Datenkritik übt sich demgegenüber in absoluter Informationsnegation und stellt sich damit der Herausforderung des Unvorhersehbaren.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht so recht, welche Konturen eine so verstandene Datenkritik annehmen würde. Jenseits dieser Verwirrung wirft der Text jedoch einige Fragen auf, die es meines Erachtens hier und auf unserem Workshop zu diskutieren gilt. Zum Einen macht Agentur Bilwet deutlich, dass neben Daten auch Kritik ein Problem darstellt. Die Frage ist dann wie man sich überhaupt kritisch gegenüber Daten oder genauer den zeitgenössischen medialen Datenpraktiken positionieren kann. Zum Anderen stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Daten zu Informationen. In einigen Kontexten hat man es sich zur Gewohnheit gemacht Daten als Vorform von Information (und diese wiederum als Vorform zu Wissen) zu betrachten. Demgegenüber werden Daten in anderen Kontexten als numerische Fakten begriffen, die selbst informativ sind. Schließlich verweist das Wort Daten häufig auch nur auf das, was Computer prozessieren. Eine kritische Auseinandersetzung mit medialen Datenpaktiken sollte daher auch Fragen was Daten überhaupt sind ohne jedoch nach einer ontologischen Wesensbestimmung zu suchen. Vielmehr wäre die heterogene Vielgestaltigkeit der zeitgenössischen Sprechweisen über Daten freizulegen.

P.S.: Es ist übrigens bemerkenswert, dass in der englischen Übersetzung des Texts nicht „Regime des ahistorischen Materialismus“ steht, sondern Regime des ahistorischen Immaterialismus (unhistorical immaterialism). Eine interessante Dissonanz, die unser Thema vielleicht nur indirekt berührt.