Über timokaerlein

Medienwissenschaftler, Graduiertenkolleg Automatismen, http://www.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/gk-automatismen/kollegiatinnen/timo-kaerlein/

Taktiken der Ermüdung – „einbruch der dunkelheit“ in Berlin

Die Kulturstiftung des Bundes hat in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette an der Berliner Volksbühne am 25. und 26. Januar eine Konferenz mit dem Titel „einbruch der dunkelheit – Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle“ veranstaltet. Einige der Beiträge und zusätzliche Interviews mit Beteiligten können auf dctp.tv angesehen werden. Als dringliche Fragen wurden adressiert:

Wie sehen politisch emanzipatorische Gegenstrategien zu den Kontrollmechanismen der Sicherheitsgesellschaft aus? Bedarf es einer stärkeren demokratischen Kontrolle von Schutzräumen? Ist das Verlangen nach Privatheit lediglich regressiver Eskapismus oder kann es tatsächlich in die Freiheit führen? Wie sind neue Formen von Privatheit mit digital gestützten Praktiken politischer Partizipation vereinbar? Was sollte man als Bürger tun? (Auszug aus der Tagungsbroschüre)

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Archivierung von Software – Eine Herausforderung der zukünftigen Medienphilologie

Die Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Thema Medien der Wissenschaften ist vorbei und hat – wie stets – zahlreiche Diskussionen angestoßen, Fragen aufgeworfen und Kontroversen offengelegt. Im Anschluss an das in dieser Hinsicht leider unergiebige Medienphilologie-Panel und eine Eingabe meinerseits beim Treffen der AG Games möchte ich das Thema der Software-Archivierung auch einmal in unserem Rahmen ins Gespräch bringen. Für digitale Spiele stellt sich diese Problematik in besonderer Hinsicht, aber auch analog für Interfaces und Betriebssysteme. Anhand der Spiele kann man die Problematik aber vielleicht besonders nachvollziehbar machen.

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Quantified Cow – Verdatung der Landwirtschaft

Wie die Zeit berichtet, beliefert die Telekom deutsche Bauernhöfe mit Brunstmeldesystemen. Um die optimale Besamung von Milchkühen ganzjährig sicherzustellen, sind größere Betriebe offenbar zunehmend auf solche Lösungen angewiesen, die identifizieren können, wann ein Tier paarungsbereit ist. Dann kann just-in-time die Lieferung von Bullensperma erfolgen, bevor sich das Fruchtbarkeitsfenster wieder schließt.

Die Technik besteht aus einem „Halsband mit eingebautem Beschleunigungssensor und einem kleinen Funksender“, das die Bewegungsdaten der Kühe erfasst und über ein sog. Heatphone an das Mobilfunknetz der Deutschen Telekom weiterleitet. Hier erfolgt die Auswertung in einem Rechenzentrum. Kühe in der Cloud. Menschliche Vermittlung ist nicht erforderlich, die Cow-to-Machine-Communication funktioniert vollautomatisiert.

Interessant sind darüber hinaus die Perspektiven, die der Artikel aufwirft. Warum bei der Überwachung und Meldung von Paarungsbereitschaft stehenbleiben? Weitere Sensoren (die schon am Markt erhältlich sind) könnten den Prozess der Kalbung beobachten oder (in den Mägen frisch geborener Kälber platziert) anstehende Krankheiten früher erkennen.

Sinn der umfassenden Verdatung der Landwirtschaft ist natürlich die wirtschaftliche Optimierung. Nicht tragende Kühe sind ein Verlustgeschäft, das mit 150 € pro Zyklus zu Buche schlägt. Damit die Basis der globalen Milchwirtschaft eine Cash Cow bleibt, ist sie bei steigender Größe der Betriebe zunehmend auf digitale Unterstützung angewiesen.

Stop The Cyborgs – Maschinensturm oder legitime Kritik?

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Unter dem Label „Stop the Cyborgs – Fighting the algorithmic future one bit at a time“ versammelt sich im Netz eine kritische Initiative gegen die Nutzung von Google Glass und anderen „network enabled wearable headmounted displays with cameras and audio“ im öffentlichen Raum. Während auf der Website eine bewusste Einschränkung des Geltungsbereichs der Kritik vorgenommen wird – „Despite what some people think we are not Neo-Luddites. We love technology, we love Google“ – kommen die Warnzeichen und die Metaphorik doch recht fundamental daher. Man sorgt sich um das jederzeit mögliche (heimliche) Aufnehmen von Bild und Ton und die Zentralität der Datenspeicherung auf Google-Servern.

Mich würde interessieren, was die Mitglieder der AG von Stop the Cyborgs halten. Sieht so eine zeitgemäße „Datenkritik“ aus? Gibt es Regulierungsbedarf für den Bereich Wearable Computing? Sollte der Gesetzgeber hier proaktiv tätig werden und einen verbindlichen Rechtsrahmen schaffen?

Einigermaßen originell ist jedenfalls der Vorschlag des niederländischen Bloggers Peter van Lenth, der Sergej Brin dazu auffordert, eine Woche lang von Google Glass-Nutzern observiert zu werden. Die Daten sollten dann alle im Anschluss im Internet zugänglich sein. Als Herausforderung formuliert, soll der Appell bewusst machen, wie weit dieToleranz tatsächlich reicht, wenn man sich in allzeitiger Beobachtung wähnt. Ob Brin die Herausforderung annehmen wird, ist bislang noch nicht bekannt.

Open Data & Co: Sind Daten die Lösung? Und wenn ja, was ist eigentlich das Problem?

Was in der Diskussion zu Quantified Self bereits anklang und in den Kommentaren kontrovers aufgegriffen wurde, ist der Aspekt der Demokratisierung durch Daten. Man kann sich die Frage stellen, welches ermächtigende Potenzial die allgemeine Verfügbarkeit von (medizinischen, volkswirtschaftlichen, ökologischen, etc.) Daten birgt. Was im Kollektiven Partizipation und informiertere Entscheidungen verspricht (vgl. Open Data), mag auch für den Einzelnen Bestand haben. Schließlich ist es eine altbekannte Machtstrategie, Arkanwissen anzuhäufen und es zur Kontrolle von Entwicklungen einzusetzen. Die Forderung nach Datentransparenz scheint da folgerichtig und klug, vielleicht insbesondere, wenn es um die eigene Person geht.

Doch die Geschichte hat noch eine andere Seite, die in der Debatte um Open Data selten thematisiert wird, wie der deutschsprachige Wikipedia-Artikel zeigt. Gegen Open Data wird dort unter anderem angebracht, dass es urheber- und patentrechtliche Herausforderungen gibt und der Datenmissbrauch erleichtert werde. Ganz anders könnte eine kulturwissenschaftliche Kritik vorgehen, die aufzeigt, wie die Hoffnung in Daten Probleme mit einem spezifischen Framing versieht: Wenn wir nur mehr Informationen haben, können wir jedes Problem der Welt lösen!

Und an dieser Stelle finde ich Evgeny Morozovs Vorwurf des „solutionism“ durchaus treffend, d.h. die Vorstellung, man könne jedes Phänomen als lösbares Problem beschreiben und entsprechend einen technological fix bereitstellen. Diese ist Teil der sog. Californian Ideology und wird in der Startup-Szene von Silicon Valley und den TED-Konferenzen stetig erneuert. Besonders zynisch: Africa? There’s an app for that. Eine verbesserte Datenlage erzeugt schnell das Gefühl, man habe die Situation im Griff und könne eine adäquate Lösung ableiten bzw. (noch besser) automatisch generieren lassen. Die daraus resultierende Frage lautet: Wie verhalten sich Daten & Politik? Oder: Ist eine Daten-Demokratie denkbar und wie sähe diese aus? Das sind zwar große Fragen, aber m.E. sind sie von einiger Aktualität, wie u.a. die anhaltenden Konflikte innerhalb der Piratenpartei bezeugen. Dazu habe ich an anderer Stelle ein paar Gedanken formuliert.

Quantified Self – Das vermessene Selbst

Der Trend zur Selbstverdatung greift um sich. Die Quantified Self Bewegung – Slogan: self knowledge through numbers – gibt es inzwischen nicht mehr nur im Gründungsland Amerika. Lokale Gruppen treffen sich auf allen Kontinenten, um Wissen und Ressourcen zu teilen und gemeinsame Positionen zu entwickeln. Ziel von Quantified Self ist es, mittels Self-Tracking per digitalen Mobilgeräten und Sensorik anwendbares Wissen über den eigenen Körper, seine Rhythmen und Routinen zu gewinnen (z.B. über die kontinuierliche Messung von Puls, Blutdruck und Temperatur). Dahinter steht ein Bedürfnis nach Selbstoptimierung und Selbsterkenntnis unabhängig von Expertenmeinungen.

Das Projekt ist durchaus vergleichbar mit dem hellenistisch-römischen Konzept der Selbstsorge, wie es Foucault u. a. am Beispiel von Mark Aurels Selbstbetrachtungen beschrieben hat, nur dass eben Daten und deren Auswertung eine prominente Rolle in dieser Praxis der Lebensführung spielen. Der große Vorteil der zeitgenössischen ‚Selbsttechnologien’ ist dabei die automatisierte Erfassung von Abläufen, die der bewussten Reflexion üblicherweise entgehen, z.B. Schlafzyklen, Verdauung und ähnliche physiologische Prozesse.

Es gibt unmittelbar einleuchtende Anwendungskontexte wie bspw. das Teilen von Daten zu Krankheitsverläufen und die Verwendung im Sport- und Gesundheitsbereich. Mitglieder der Quantified Spouse Initiative machen sich um das Tracking ihres Liebeslebens bemüht, z.B. die Intensität und Häufigkeit von Orgasmen. Die verlässliche Objektivität der Daten dient dabei als Grundlage für emotionsbefreite Kommunikation und Konfliktresolution (eine vergleichbar demokratisierende und ermächtigende Funktion erfüllte historisch das Fieberthermometer in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient).

Die Implikationen für Datenschutz und Privatsphäre sind offensichtlich und werden bereits ausgiebig diskutiert, fast interessanter aber erscheint ein Aspekt, der eng verbunden ist mit dem Moment der datengetriebenen Selbstführung. Mat Honan klagt in der Wired darüber, dass health-tracking devices ihren Job nicht gut genug machten, weil sie keine konkreten Handlungsempfehlungen lieferten.

I need more than feedback; I need a plan. […] It [the device, T. K.] should give advice that’s actually useful, like „Go for a 3-mile run at an eight-minute-mile pace. Then eat some fish — you need protein.“

Diese Haltung ist bedenkenswert. Können Daten die Verantwortung für den eigenen Körper und möglicherweise Intersubjektivität ersetzen? Kann weiter gefragt die Medienwissenschaft einen Beitrag leisten zum Verständnis eines Umgangs mit Daten, der über die Themen Erfassung, Auswertung und Visualisierung hinausgeht und ihre zunehmende Verflechtung mit Lebenspraxis fokussiert? Welche Transformationen durchläuft das Wissen über den menschlichen Körper im Zuge seiner umfassenden Quantifizierung jenseits des medizinischen Diskurses?