Profile: Individualisierung, Kollektivierung und Klassifizierung durch Daten

3. Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM
Braunschweig, 03./04.07.15

In gegenwärtigen Diskursen zu Daten und Netzwerken ist der Profil-Begriff ebenso präsent wie schillernd, wird er doch einerseits vor dem Hintergrund des ökonomischen Imperativs zur Selbstdarstellung, andererseits vor dem Hintergrund einer Angst vor Überwachung diskutiert. Beide mit demselben Begriff beschriebenen Phänomene sind dabei zwar miteinander verknüpft, jedoch nicht nur in ihrer technischen Implementierung verschieden, sondern auch mit unterschiedlichen Praktiken der Profilierung, anderen Ästhetiken (oder auch Anästhetiken), und anderen normativen Bewertungen verbunden. Trotz oder vielleicht ausgerechnet vor dem Hintergrund dieser Disparitäten scheint der Begriff etwas auf den Punkt zu bringen, dass die mediale Repräsentation bzw. gar Konstitution ‘des Menschen’ unter den Bedingungen von Daten und Netzen betrifft.

Vor diesem Hintergrund bieten der Begriff des Profils und die Phänomene, die er bezeichnet, vielversprechende Ansatzpunkte für theoretische und analytische Zugänge zur gegenwärtigen Medienkultur und den darin entworfenen Subjektkonzepten. Dieser Annahme folgend wird der zweite Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM verschiedene bestehende Perspektiven auf Profile aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammenführen und in Austausch miteinander bringen.

Freitag, 03.07.2015

14:00 – 14:30:
Einführung durch die OrganisatorInnen

14:30 – 15:30:
Andreas Bernard (Lüneburg) „Profil, Erfassung, Selbstdesign“
(Diskutant: Andreas Weich)

15:30 – 16:00:
Pause

16:00 – 17:00:
Andreas Weich (Braunschweig) „Profilieren und profiliert werden“
(Diskutantin: Katja Grashöfer)

17:00 – 18.00:
Fabian Pittroff (Kassel) „Profile als Labore der Privatheit?“
(Diskutant: Jan-Hendrik Passoth)

20:00:
Abendessen

Samstag, 04.07.2015

09:30 – 10:30:
Nikolaus Lehner (Wien)  „Das digitale Selbst zwischen Doppelgängertum und Post-Entfremdung“
(Diskutantin: Bianca Westermann)

10:30 – 11:30:
Martin Schmitt (Potsdam) „Die Informationalisierung des Menschen“
(Diskutant: Martin Degeling)

11:30 – 12:30:
Mittagspause

12:30 – 13:30:
Martin Degeling (Bochum) „Googles Interessenprofiling“
(Diskutant: Theo Röhle)

13:30 – 14:30:
Abschlussdiskussion und Thesenwerkstatt

14:30 – 15:30:
Slot zur Besprechung von Fragen zur AG und Vernetzung

Die ausformulierten Beiträge werden vorab an alle Teilnehmenden verschickt und stellen statt eines Vortrags die Grundlage für die Diskussionen im Workshop dar. Bei Interesse an einer Teilnahme bitten daher um Anmeldung bis spätestens 26. Juni 2015.

Der Workshop wird organisiert von AG-Mitgliedern der TU Braunschweig (Andreas Weich, Julius Othmer), der HBK Braunschweig (Theo Röhle), des Hans-Bredow-Instituts (Jan-Hinrik Schmidt), der TU München/MCTS (Jan-Hendrik Passoth) und der Ruhr-Universität Bochum (Martin Degeling, Katja Grashöfer, Bianca Westermann).

Ort: TU Braunschweig, Bienroder Weg 97, Raum 97.8.

WWW: datanetworks.wordpress.com
Twitter: #AGDN

Kontakt:
Andreas Weich
Theo Röhle
Julius Othmer

CfP: Workshop „Profile“

Profile: Individualisierung, Kollektivierung und Klassifizierung durch Daten
3. Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM
Braunschweig, 03./04.07.15

Call for Participation

In gegenwärtigen Diskursen zu Daten und Netzwerken ist der Profil-Begriff ebenso präsent wie schillernd. Im Kontext von Social Networking Sites bezeichnet er beispielsweise sowohl die Darstellungsform des Nutzeraccounts als auch das Produkt der Auswertung personenbezogener Daten zum Zweck der Personalisierung von Werbung. Beide mit demselben Begriff beschriebenen Phänomene sind dabei zwar miteinander verknüpft, jedoch nicht nur in ihrer technischen Implementierung verschieden, sondern auch mit unterschiedlichen Praktiken der Profilierung, anderen Ästhetiken (oder auch Anästhetiken), und anderen normativen Bewertungen verbunden – einerseits vor dem Hintergrund des ökonomischen Imperativs zur Selbstdarstellung, andererseits vor dem Hintergrund einer Angst vor Überwachung. Über Profile lässt sich somit gleichermaßen in Diskursen zum Datenschutz, im Marketing, in Bewerbungsratgebern, in der Psychologie, der Kriminalistik und vielem mehr reden. Trotz oder vielleicht ausgerechnet vor dem Hintergrund dieser Disparitäten scheint der Begriff etwas auf den Punkt zu bringen, dass die mediale Repräsentation bzw. gar Konstitution ‘des Menschen’ unter den Bedingungen von Daten und Netzen über all diese Bereiche hinweg betrifft. Insofern kann ‘das Profil’ im Sinne Jürgen Links als inter(spezial)diskursives Konzept zur Rede über ‘den Menschen’ in Form von Daten veranschlagt werden. Als Untersuchungsgegenstände sind Profile dabei sowohl in der Medienwissenschaft, der Kommunikationswissenschaft als auch der Mediensoziologie und der Rechtswissenschaft unter verschiedenen Prämissen virulent.

Vor diesem Hintergrund scheinen der Begriff des Profils und die Phänomene, die er bezeichnet, vielversprechende Ansatzpunkte für theoretische und analytische Zugänge zur gegenwärtigen Medienkultur und den darin entworfenen Subjektkonzepten zu sein. Dieser Annahme folgend soll der zweite Workshop der AG Daten und Netzwerke der GfM verschiedene bestehende Perspektiven auf Profile aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammenführen und in Austausch miteinander bringen. Das Ziel kann und soll dabei nicht sein, eine Art konsensfähiger ‘Definition’ ‘des Profils’ zu synthetisieren, sondern unterschiedliche Lesarten des Begriffs, unterschiedliche Phänomene und unterschiedliche Zugänge zu diskutieren und  gegenseitig füreinander produktiv zu machen.

Die AG Daten und Netzwerke freut sich über prägnante Beiträge und Positionspapiere zur Begriffsarbeit am Profil-Konzept, phänomenbezogene Fallstudien zu spezifischen Profilen sowie  allgemeine Überlegungen zur Rolle von Profilen in der Medienkultur, die auf dem gemeinsamen Workshop in Braunschweig intensiv diskutiert werden können.

Themenbereiche können unter anderem sein:

  • Profile als Repräsentationen ‘des Menschen’
  • Profile als Subjektivierungs- und Regierungsform
  • Profiling als Praxis zwischen Überwachung und Selbstdarstellung
  • Das Profil als inter(spezial)diskursives Konzept
  • Geschichte des Profils als Konzept der Menschenverdatung
  • Technologien (und deren Implikationen) zur Generierung und/oder Erstellung von Profilen (Datenbanken, Data Mining, Scoring, Big Data etc.)
  • Profile/Profiling und Datenschutz
  • Profile, Vergleichbarkeit und Matching
  • Profile und Personalisierung
  • Profile als Interface und ästhetische Form
  • Profile als Instrument zur Kommunikation in Netzwerken/Social Media
  • Profile und Profiling als Instrumente der Fahndung
  • Profile, Typologisierung und Klassifikation

Der Workshop wird organisiert von AG-Mitgliedern der TU Braunschweig (Andreas Weich, Julius Othmer), der HBK Braunschweig (Theo Röhle), des Hans-Bredow-Instituts (Jan-Hinrik Schmidt), der TU München/MCTS (Jan-Hendrik Passoth) und der Ruhr-Universität Bochum (Martin Degeling, Katja Grashöfer, Bianca Westermann). Textvorschläge können als Abstracts mit maximal 2.500 Zeichen bis zum 01. Mai 2015 per E-Mail an Andreas Weich, Theo Röhle und Julius Othmer gesendet werden. Die ausgewählten fertigen Beiträge mit 10.000 bis 20.000 Zeichen werden vorab an alle Mitglieder der AG verschickt und stellen die Grundlage für die Diskussionen im Workshop selbst. Sie müssen bis zum 15. Juni 2015 bei den Veranstaltern eingegangen sein.
Die für jede/n offene AG Daten und Netzwerke ist Teil der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Für Mitglieder der GfM kann ein Zuschuss zu den Reisekosten übernommen werden.
Beginn: 03. Juli, 14 Uhr
Ende: 04. Juli, 18 Uhr (mit offenem Ende für’s Beisammensein)
Ort: TU Braunschweig, Bienroder Weg 97, Raum 97.8.
WWW: datanetworks.wordpress.com
Twitter: #AGDN
Kontakt:
Andreas Weich
Theo Röhle
Julius Othmer

Archivierung von Software – Eine Herausforderung der zukünftigen Medienphilologie

Die Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Thema Medien der Wissenschaften ist vorbei und hat – wie stets – zahlreiche Diskussionen angestoßen, Fragen aufgeworfen und Kontroversen offengelegt. Im Anschluss an das in dieser Hinsicht leider unergiebige Medienphilologie-Panel und eine Eingabe meinerseits beim Treffen der AG Games möchte ich das Thema der Software-Archivierung auch einmal in unserem Rahmen ins Gespräch bringen. Für digitale Spiele stellt sich diese Problematik in besonderer Hinsicht, aber auch analog für Interfaces und Betriebssysteme. Anhand der Spiele kann man die Problematik aber vielleicht besonders nachvollziehbar machen.

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digital nonhumans?

Am 27. und 28.5. findet am Graduate Centre for the Study of Culture der Universität Gießen die Tagung ‚the re/turn of the nonhuman‘ statt, an der auch einige Mitglieder der AG teilnehmen. Die Vorträge handeln von Digitalität und Humanität, Gesetzen als Code, Kurzschlüssen zwischen Menschen und Nicht-Menschen, Psychogeophysik und Sozialkalkulation. Sicherlich eine gute Möglichkeit, die Themen der AG in einem anderen Rahmen zu durchdenken!

Teilnahmegebühren gibt es nicht, um Anmeldung wird gebeten. Das Programm findet sich hier:

http://gcsc.uni-giessen.de/wps/pgn/home/GCSC_eng/nonhuman/

Quantified Cow – Verdatung der Landwirtschaft

Wie die Zeit berichtet, beliefert die Telekom deutsche Bauernhöfe mit Brunstmeldesystemen. Um die optimale Besamung von Milchkühen ganzjährig sicherzustellen, sind größere Betriebe offenbar zunehmend auf solche Lösungen angewiesen, die identifizieren können, wann ein Tier paarungsbereit ist. Dann kann just-in-time die Lieferung von Bullensperma erfolgen, bevor sich das Fruchtbarkeitsfenster wieder schließt.

Die Technik besteht aus einem „Halsband mit eingebautem Beschleunigungssensor und einem kleinen Funksender“, das die Bewegungsdaten der Kühe erfasst und über ein sog. Heatphone an das Mobilfunknetz der Deutschen Telekom weiterleitet. Hier erfolgt die Auswertung in einem Rechenzentrum. Kühe in der Cloud. Menschliche Vermittlung ist nicht erforderlich, die Cow-to-Machine-Communication funktioniert vollautomatisiert.

Interessant sind darüber hinaus die Perspektiven, die der Artikel aufwirft. Warum bei der Überwachung und Meldung von Paarungsbereitschaft stehenbleiben? Weitere Sensoren (die schon am Markt erhältlich sind) könnten den Prozess der Kalbung beobachten oder (in den Mägen frisch geborener Kälber platziert) anstehende Krankheiten früher erkennen.

Sinn der umfassenden Verdatung der Landwirtschaft ist natürlich die wirtschaftliche Optimierung. Nicht tragende Kühe sind ein Verlustgeschäft, das mit 150 € pro Zyklus zu Buche schlägt. Damit die Basis der globalen Milchwirtschaft eine Cash Cow bleibt, ist sie bei steigender Größe der Betriebe zunehmend auf digitale Unterstützung angewiesen.

Große Daten, analytische Gesten und praktische Datenkritik

 Die Utrecht Data School hat am 25. April im Zuge der Big Data Week ein Symposium zum Umgang mit Big Data veranstaltet. In diesem Kontext fokussierte sich das Symposium sowohl auf akademische als auch wirtschaftliche Perspektiven auf Big Data und verdeutlichte dadurch die Unterschiede zwischen Datenkritik und Datenverwertung.

Die akademischen Beiträge von Bernhard Rieder (Universiteit van Amsterdam), Johannes Paßmann (Universität Siegen), Ellen Bijsterbosch  und Thomas Boeschoten (beide Universiteit Utrecht) lenkten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die analytischen Operationen und den Umgang mit Algorithmen, APIs und statistischen Analyseverfahren.

Bernhard Rieder fokussierte seinen Vortrag auf sogenannte analytische Gesten und die Frage, wie Big Data qualitative und quantitative Forschungsmethoden zusammenbringen. Ausgehend von Philip Agres Idee der „Grammars of action“ diskutierte er, wie digitale Medien eine Grammatik der Interaktion und Formalisierung von Datenerhebung schaffen, welche im Kontext von Big Data in neue Sinnzusammenhänge gebracht werden kann. Nicht nur die Datensätze und Referenzpopulationen werden grösser, argumentierte Rieder, Big Data Forschung trägt selbst zur Multiplizierung von Daten bei. Zentrale Analysetechniken dabei sind Statistik und Netzwerktheorie, deren epistemischen Grundannahmen spezifische Sinnzusammenhänge von Daten schaffen und daher als analytischen Gesten zu verstehen sind.

Wie sehr solche analytischen Gesten von der Technizität der Medien abhängen verdeutlichte der Vortrag von Ellen Bijsterbosch über Twitter als Gatekeeper. Während die Plattform täglich fast 600 Millionen Tweets speichert, haben Forschungsprojekte und Unternehmen nur sehr begrenzten freien Zugang über APIs, zum Beispiel zum Garden-Hose Sample (10% aller Tweets) oder zum ‚Spritzer’ (1%). Obwohl die Plattform betont, dass diese Auswahl auf zufälligen Stichproben basiert, verbleibt die der assoziierte Algorithmus als Blackbox und ist daher Subjekt von Kritik (boyd et al).

Der Vortrag von Johannes Paßmann entwickelte die Idee einer „praktischen Datenkritik“, die sich eben solchen analytischen Gesten zuwendet, wie Rieder sie vorher beschrieben hat und die nach einer Dokumentation und Reflektion von Analyseschritten im Umgang von Big Data fragt. Basierend auf seiner ethnografisch-digitalen Forschung zur „Favstar-Sphäre“ im deutschsprachigen Twitter nähert sich Paßmann dem Umgang mit Big Data mit der Metapher von Karte und Territorium. Um die Beziehung zwischen beiden nicht zu einer BlackBox werden zu lassen, fordert Paßmann eine verstärkte Explikation der Analyseschritte sowie eine situierte Nutzung von Algorithmen. Seine Antwort auf die Frage, wie man Algorithmen – wie zum Beispiel Twitter Accounts, die automatisch Deutschlands interaktions-stärkste Tweets berechnen – überhaupt für die eigene empirische Arbeit nutzen kann, rückt den Fokus zurück ins Feld: Wenn ein Algorithmus Relevanz für mediale Nutzungspraktiken hat, gewinnt er diese auch für methodologische Ansätze. Dieses Argument schließt an eine Idee in dem Aufsatz „Scraping the Social“ von Noortje Marres (Goldsmiths) und Esther Weltevrede (Universität von Amsterdam)  an.

In der Diskussion kristallisierten sich einige zentrale Herausforderungen für einen datenkritischen Umgang mit Big Data heraus: (1) Die zentrale Rolle von proprietären Algorithmen in der empirischen Forschung eröffnet Accountabilitäts-Probleme für ihre analytischen Gesten. Rieder schlägt in diesem Kontext vor, Algorithmen als mehr oder weniger glaubwürdige Informanten zu betrachten, während Paßmann einfordert, dass die Medienwissenschaft neue und spezifische Kriterien benötigt, um ihre Valenz oder Glaubwürdigkeit zu prüfen, um nicht mit „zwielichtigen Agenten“ zu arbeiten. Diese Kriterien können, so Paßmann, zum Beispiel durch ethnografische Dokumentation des Handelns mit Daten entwickelt werden. (2) Big Data verdeutlicht einmal mehr, wie dezentralisiert analytischen Kompetenzen in der Medienwissenschaft sind und wie problematisch eine zu diskrete Trennung von Erhebung, Ergebnissen und Analyse in der Forschung ist. (3) Daten, Methoden und Analyseverfahren im Kontext von Big Data überschneiden nicht nur disziplinäre Grenzen, viel mehr bedienen sich akademische Projekte kommerzieller Daten, Tools und Algorithmen und vice versa. Daten und Methoden kommen mit unterschiedlichen Valenzen für MediennutzerInnen, für die Forschung, für Plattformbetreiber sowie für Werbende. Die Rolle von medienwissenschaftlicher Datenkritik könnte daher sein, die Performativiät von analytischen Gesten zu verfolgen und die unterschiedlichen Wert- und Sinnzusammenhänge, in die Big Data geführt werden zu erfassen.

Stop The Cyborgs – Maschinensturm oder legitime Kritik?

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Unter dem Label „Stop the Cyborgs – Fighting the algorithmic future one bit at a time“ versammelt sich im Netz eine kritische Initiative gegen die Nutzung von Google Glass und anderen „network enabled wearable headmounted displays with cameras and audio“ im öffentlichen Raum. Während auf der Website eine bewusste Einschränkung des Geltungsbereichs der Kritik vorgenommen wird – „Despite what some people think we are not Neo-Luddites. We love technology, we love Google“ – kommen die Warnzeichen und die Metaphorik doch recht fundamental daher. Man sorgt sich um das jederzeit mögliche (heimliche) Aufnehmen von Bild und Ton und die Zentralität der Datenspeicherung auf Google-Servern.

Mich würde interessieren, was die Mitglieder der AG von Stop the Cyborgs halten. Sieht so eine zeitgemäße „Datenkritik“ aus? Gibt es Regulierungsbedarf für den Bereich Wearable Computing? Sollte der Gesetzgeber hier proaktiv tätig werden und einen verbindlichen Rechtsrahmen schaffen?

Einigermaßen originell ist jedenfalls der Vorschlag des niederländischen Bloggers Peter van Lenth, der Sergej Brin dazu auffordert, eine Woche lang von Google Glass-Nutzern observiert zu werden. Die Daten sollten dann alle im Anschluss im Internet zugänglich sein. Als Herausforderung formuliert, soll der Appell bewusst machen, wie weit dieToleranz tatsächlich reicht, wenn man sich in allzeitiger Beobachtung wähnt. Ob Brin die Herausforderung annehmen wird, ist bislang noch nicht bekannt.

Nachtrag zum iLearning

Vor etwa einer Woche haben wir auf eine Debatte verwiesen, die sich damit befasst, wie deutsche Universitäten iTunes U nutzen und auf diese Weise ‚Platform Politics‘ betreiben. Diese Debatte hat sich nun ein Stück weiter gedreht: Wie die TagesWEBschau berichtet, lässt die FU Berlin verlauten, iTunes U solle nicht exklusiv, sondern nur als erste Plattform zum Einsatz kommen: 

Leonhard Dobusch bewertet dies auf netzpolitik.org als ein „Zurückrudern“ wegen des starken öffentlichen Echos und gibt sich besänftigt.

Was auch immer der Anlass für die zuerst von der FU geforderte Exklusivität gewesen ist – die Frage nach dem Verhältnis der Universitäten zu proprietären Plattformen stellt sich damit immer lauter. Diese Frage hat mindestens zwei Dimensionen:

1. Welche (Plattform-)Abhängigkeiten schafft die Universität? (Wird vermutlich am ehesten problematisch im Misserfolgsfall)

Ein Beispiel, wie problematisch die Abhängigkeit von Plattform-Diensten sein kann, lieferte gerade erst Google mit dem Einstellen seines RSS-Readers: Für Google lohnte er sich nicht mehr, und so gab es erst quasi keine Updates mehr; nun wird er ganz eingestellt. Wessen Arbeitsroutinen und -möglichkeiten dies hemmt, behindert oder unmöglich macht, zählt freilich nicht (wer will dies Google auch verübeln…?). Im Falle von iTunes U müsste es dabei gar nicht so weit kommen, dass Apple den Dienst eines Tages einstellt oder damit droht. Denn angesichts überfüllter Hörsäle (und den Ursachen dafür) dürfte eher das Gegenteil eintreten:

2. Zu wessen Produkt macht sich die Universität zu welchem Preis? (Wird vermutlich am ehesten problematisch im Erfolgsfall)

Der netzökonomische Merksatz „If you don’t pay, you’re the product“ zählt natürlich auch hier. Welchen Preis also zahlt die Universität dafür, dass sie nicht selbst eine äquivalente Plattform betreiben oder mit unterstützen muss? Ist es die Aufmerksamkeit der Studierenden für Produkte im iTunes-Store? Eine Steigerung von Apples Markenwert als Anbieter akademischen Arbeitsgeräts? Sind es Daten, die die Plattform so über seine (zukünftig hochqualifizierten) Nutzer erheben und an Personalabteilungen verkaufen kann? Darüber lässt sich trefflich spekulieren. Weniger spekulativ dürfte aber die Annahme sein, dass sich Apple darüber weit mehr im Klaren ist, als die Universitäten.

iLearning: Platform-Politics an deutschen Universitäten

Man kann sich ja mit gutem Recht fragen, ob es ein für unsere AG relevantes Thema gibt, das mehr an deutschsprachigen Hochschulen diskutiert worden ist als E-Learning. Dieses Thema kreuzt mehr und mehr das Forschungsfeld der Platform- oder Software-Studies, wenn es darum geht, über welche Infrastruktur man Studierenden digitale Lernmaterialen zur Verfügung stellt. Solche Fragen erledigen sich in der Praxis oft ganz von allein und so ist es eher Regel als Ausnahme, dass Facebook, Dropbox oder GoogleDocs faktisch die wichtigeren E-Learning-Plattformen darstellen als Moodle, WebCT oder Blackboard.

Wie Leonhard Dobusch (FU Berlin) nun berichtet, verläuft diese Entwicklung allerdings nicht nur bottom-up, sondern deutsche Hochschulen treten vermehrt als Institutionen in Erscheinung, die ‚Platform-Politics‘ zugunsten proprietärer Anbieter betreiben: So zählt er nicht nur eine ganze Reihe von Universitäten auf, die ihre Lehrveranstaltungen über iTunes U zur Verfügung stellen, sondern zitiert auch ein Rundschreiben der FU Berlin an alle Fachbereiche. Darin würden die Lehrenden aufgefordert, die Aufzeichnungen ihrer Lehrveranstaltungen über iTunes zur Verfügung zu stellen. Insbesondere sollten sie aber „von der Nutzung anderer externer Internet-Plattformen“ zur Verbreitung dieses Materials absehen.

Aus medienwissenschaftlicher Sicht (oder eher: aus Sicht der Medienwissenschaft) stellt sich meines Erachtens die Frage, ob wir einen Beitrag zu der Debatte leisten können und wenn ja welchen. Wie auch immer die Antwort ausfällt: Als Seminar-Beispiel für Platform-Politics taugt der Fall allemal.

Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft „Daten und Netzwerke“ im Oktober 2013

Mitglieder der AG sind

  • Michael Bartel
  • Marcus Burkhardt
  • Simone Chiquet
  • Valentin Dander
  • Martin Degeling
  • Tobias Dienlin
  • Christoph Engemann
  • Kathrin Friedrich
  • Carolin Gerlitz
  • Sebastian Gießmann
  • Katja Grashöfer
  • Till Heilmann
  • Jana Herwig
  • Seline Hippe
  • Timo Kaerlein
  • Irina Kaldrack
  • Dietmar Kammerer
  • Anna-Lena Klapdor
  • Jochen Koubek
  • Ann-Sophie Lehmann
  • Oliver Leistert
  • Astrid Mager
  • Thomas Nachreiner
  • Julius Othmer
  • Johannes Paßmann
  • Florian Püschel
  • Ramon Reichert
  • Annika Richterich
  • Theo Röhle
  • Oliver Ruf
  • Mirko Tobias Schäfer
  • Regina Schober
  • Benjamin Seibel
  • John Seidler
  • Mary Shnayien
  • Samuel Sieber
  • Roberto Simanowski
  • Florian Sprenger
  • Sven Stollfuss
  • Anna Tuschling
  • Stefan Udelhofen
  • Sebastian Vehlken
  • Jutta Weber
  • Andreas Weich
  • Bianca Westermann
  • Carolin Wiedemann