„Netzwerke überwachen“ – die AG auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft

Netzwerke überwachen Netzwerke: Ein geheimdienstlicher Verbund aus „fünf Augen“ zapft materielle Netzwerke an (Unterseekabel), schöpft digitale Netzwerke ab (Google, Facebook), um Metadaten zu sammeln, die Auskunft geben über (terroristische und
andere soziale) Netzwerke. Vor diesem Hintergrund wollen wir die verschiedenen Wissensordnungen von Netzwerken und ihre Daten-Praktiken diskutieren. Vier Referate laden zu einer ausführlichen Diskussion ein. Weiterlesen

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Datenkritik als Kritikkritik?!

Was ist Datenkritik? Diese Frage wurde bereits Anfang der 1990er Jahre von der Agentur Bilwet in einem kurzen Text aufgegriffen – jenem Zusammenschluss von Autoren und Forschern, der sich seit 1983 der „Ausübung der illegalen Wissenschaft“ verschrieben hat. In Vorbereitung auf den kommenden ersten Workshop der AG Daten und Netzwerke, der sich der gleichen Frage widmen soll, lag und liegt es Nahe, sich die Antwort der Agentur Bilwet anzusehen.

Dabei fällt jedoch schnell auf, dass für die Autoren weniger Daten ein Problem darstellen als die Kritik selbst. Durchaus polemisch unterziehen sie ‚die Kritik’ einer Kritik, für die Datenkritik eine Antwort sein soll:

Unter dem Regime des ahistorischen Materialismus ist nur die totale Datenkritik lebensfähig. Auch Filme sind bloß Information. Im heutigen Mediensystem ist Kritik an der Ausfüllung der Software nicht mehr abhandlungsfähig. Das ist schade, aber nicht aussichtslos. Warum ist ‚schön’ ungefährlich? Und ‚häßlich’ übrigens ebenso? Sowohl fiction  als auch reality  sind dem allmächtigen Medienbegriff untergeordnet. Es macht keinen Sinn, die einzelnen Medien zu kritisieren. Die Negation kann sich nur noch an dem boot- und rootsector der ganzen Medienscheibe orientieren. Datenkritik ist die Kunst der absoluten Informationsnegation. Sie ist keine Überlebensstrategie, sondern ein Frontalangriff. Datenkritik ist keine Attitüde, die man umgehen kann. Sie ist die Verneinung des Existierenden, sie fängt da an, wo Zynismus aufhört: Sie schiebt die Welt nicht zur Seite, sondern nimmt die Herausforderung des Unvorhersehbaren an. Für Daten gibt es keine Alternative. Man kann sie nur face-to-face, wie eine Medusa, anschauen.

Daten werden gegenüber Information in Stellung gebracht. Nach Ansicht der Autoren scheint sich Kritik, die sich auf dem Niveau von Information bewegt, in der Beliebigkeit, der Austauschbarkeit und den Moden von Meinungen und Gegenmeinungen zu verirren. Datenkritik übt sich demgegenüber in absoluter Informationsnegation und stellt sich damit der Herausforderung des Unvorhersehbaren.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht so recht, welche Konturen eine so verstandene Datenkritik annehmen würde. Jenseits dieser Verwirrung wirft der Text jedoch einige Fragen auf, die es meines Erachtens hier und auf unserem Workshop zu diskutieren gilt. Zum Einen macht Agentur Bilwet deutlich, dass neben Daten auch Kritik ein Problem darstellt. Die Frage ist dann wie man sich überhaupt kritisch gegenüber Daten oder genauer den zeitgenössischen medialen Datenpraktiken positionieren kann. Zum Anderen stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Daten zu Informationen. In einigen Kontexten hat man es sich zur Gewohnheit gemacht Daten als Vorform von Information (und diese wiederum als Vorform zu Wissen) zu betrachten. Demgegenüber werden Daten in anderen Kontexten als numerische Fakten begriffen, die selbst informativ sind. Schließlich verweist das Wort Daten häufig auch nur auf das, was Computer prozessieren. Eine kritische Auseinandersetzung mit medialen Datenpaktiken sollte daher auch Fragen was Daten überhaupt sind ohne jedoch nach einer ontologischen Wesensbestimmung zu suchen. Vielmehr wäre die heterogene Vielgestaltigkeit der zeitgenössischen Sprechweisen über Daten freizulegen.

P.S.: Es ist übrigens bemerkenswert, dass in der englischen Übersetzung des Texts nicht „Regime des ahistorischen Materialismus“ steht, sondern Regime des ahistorischen Immaterialismus (unhistorical immaterialism). Eine interessante Dissonanz, die unser Thema vielleicht nur indirekt berührt.

Der ultimative Zusammenhang von Daten und Netzwerken

Die Medien haben immer Recht – in diesem Fall die schöne App „Öffi„, durch die das Dickicht der Verkehrsnetze navigierbar wird. Bei nicht funktionierender Mobilfunkverbindung wartet die Android-Anwendung, in der Open Source und offene Daten zueinander finden, mit der hier abgebildeten Fehlermeldung auf. Heißt das schon, dass ohne Netzwerke Daten schlicht nicht zugänglich sind oder sollte die Generierung von Daten nicht auch eine Bedingung der Netzwerkbildung sein? In diesem Sinne gilt auch für die Datenkritik: „Nochmal versuchen“.

Fehlermeldung von Öffi, Version 7.68 auf Android 4.04, 23. März 2013.

Fehlermeldung von Öffi, Version 7.68 auf Android 4.04, 23. März 2013.

Quantified Self – Das vermessene Selbst

Der Trend zur Selbstverdatung greift um sich. Die Quantified Self Bewegung – Slogan: self knowledge through numbers – gibt es inzwischen nicht mehr nur im Gründungsland Amerika. Lokale Gruppen treffen sich auf allen Kontinenten, um Wissen und Ressourcen zu teilen und gemeinsame Positionen zu entwickeln. Ziel von Quantified Self ist es, mittels Self-Tracking per digitalen Mobilgeräten und Sensorik anwendbares Wissen über den eigenen Körper, seine Rhythmen und Routinen zu gewinnen (z.B. über die kontinuierliche Messung von Puls, Blutdruck und Temperatur). Dahinter steht ein Bedürfnis nach Selbstoptimierung und Selbsterkenntnis unabhängig von Expertenmeinungen.

Das Projekt ist durchaus vergleichbar mit dem hellenistisch-römischen Konzept der Selbstsorge, wie es Foucault u. a. am Beispiel von Mark Aurels Selbstbetrachtungen beschrieben hat, nur dass eben Daten und deren Auswertung eine prominente Rolle in dieser Praxis der Lebensführung spielen. Der große Vorteil der zeitgenössischen ‚Selbsttechnologien’ ist dabei die automatisierte Erfassung von Abläufen, die der bewussten Reflexion üblicherweise entgehen, z.B. Schlafzyklen, Verdauung und ähnliche physiologische Prozesse.

Es gibt unmittelbar einleuchtende Anwendungskontexte wie bspw. das Teilen von Daten zu Krankheitsverläufen und die Verwendung im Sport- und Gesundheitsbereich. Mitglieder der Quantified Spouse Initiative machen sich um das Tracking ihres Liebeslebens bemüht, z.B. die Intensität und Häufigkeit von Orgasmen. Die verlässliche Objektivität der Daten dient dabei als Grundlage für emotionsbefreite Kommunikation und Konfliktresolution (eine vergleichbar demokratisierende und ermächtigende Funktion erfüllte historisch das Fieberthermometer in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient).

Die Implikationen für Datenschutz und Privatsphäre sind offensichtlich und werden bereits ausgiebig diskutiert, fast interessanter aber erscheint ein Aspekt, der eng verbunden ist mit dem Moment der datengetriebenen Selbstführung. Mat Honan klagt in der Wired darüber, dass health-tracking devices ihren Job nicht gut genug machten, weil sie keine konkreten Handlungsempfehlungen lieferten.

I need more than feedback; I need a plan. […] It [the device, T. K.] should give advice that’s actually useful, like „Go for a 3-mile run at an eight-minute-mile pace. Then eat some fish — you need protein.“

Diese Haltung ist bedenkenswert. Können Daten die Verantwortung für den eigenen Körper und möglicherweise Intersubjektivität ersetzen? Kann weiter gefragt die Medienwissenschaft einen Beitrag leisten zum Verständnis eines Umgangs mit Daten, der über die Themen Erfassung, Auswertung und Visualisierung hinausgeht und ihre zunehmende Verflechtung mit Lebenspraxis fokussiert? Welche Transformationen durchläuft das Wissen über den menschlichen Körper im Zuge seiner umfassenden Quantifizierung jenseits des medizinischen Diskurses?

Warum wir uns für Daten, Netzwerke und digitale Medienkultur interessieren (beta)

›Daten‹ und ›Netzwerke‹ stehen als sowohl soziopolitische als auch medientechnische Großbegriffe seit einigen Jahren im Zentrum der Analyse und Kritik von Forschungsansätzen, die sich dezidiert digitalen Medien zuwenden. Um die beiden Kernbegriffe der AG verdichten sich Fragestellungen und Problemfelder, die verstärkt in den Medienkulturwissenschaften diskutiert werden. An diese Diskurse möchte die AG Daten und Netzwerke anschließen.

Sie generiert sich dabei aus jenem weiterführenden Verständnis heraus, dass Netzwerke und Daten im Bereich digitaler Medien stets in einem Verhältnis der Ko-Konstitution stehen: Als infrastrukturelle Organisationsform bilden sich Netzwerke eben dadurch in ihrer je spezifischen und weiterhin veränderlichen Form heraus, indem in ihnen Daten, generiert, codiert, verarbeitet und distribuiert werden.

Daten entstehen in kulturtechnischen Vollzügen des Schreibens, Rechnens, Visualisierens, Hörbar- und Tastbarmachens. Sie werden dabei intermedial generiert, codiert, verrechnet, überprüft, adressiert und in Speichern abgelegt. Indem Medien Daten über Netzwerke verteilen, werden sie selbst zum modifizierbaren Element der Transaktionen in vernetzten Infrastrukturen.

Damit ist ein Gegenstandsbereich umrissen, der über zentrale digitale Medien wie ›Computer‹ und›Internet‹ weit hinausreicht. Wenn heute einerseits jene gesellschaftspolitischen Potenziale und Kollektivphänomene zur Debatte stehen, zu denen neue, vernetzte Formen medientechnisch vermittelter Interaktionen einen Beitrag leisten, und wenn andererseits neuartige Politiken der Medien untersucht werden, die sich z.B. den (noch weitgehend unbestimmten) Möglichkeiten in kommerziellen ›Datencentern‹ widmen, dann stellt sich der intrinsische Zusammenhang von Daten und Netzwerken als aktuelles Forschungsfeld für eine auch technisch interessierte Medienkulturwissenschaft dar.

Die AG nimmt sich zum Ziel, Forscherinnen und Forschern in der GfM eine Plattform zu bieten, die medienwissenschaftliche Ansätze, Methoden und Begriffe auf Daten respektive Netzwerke und deren Codes, Protokolle und Infrastrukturen anwenden und kritisch weiter entwickeln anwenden und kritisch weiter entwickeln. Diese stellen ihren jeweiligen Gegenstand in systematische ebenso wie in historische Perspektive und nehmen die Weisen des alltäglichen Gebrauchs und der Aneignung der medialen Objekte ebenso ernst wie deren Agency und Eigensinnigkeit.

Zu den inhaltlichen Schwerpunkten der AG gehören:

  • Handlungsmacht (agency) von Datenerzeugung und Verarbeitung
  • Ontologie von Daten (Kulturtechniken: Bild – Schrift – Zahl – Diagramm, digitale Datenverarbeitung/analoge Datenverarbeitung bzw. diskret/kontinuierlich)
  • Sozialität von Datenerzeugung und Verarbeitung
  • Netzwerke: Praktiken, Formen , Techniken und Begriffe
  • Informationsvisualisierung (Medienästhetik/Bildwissenschaft, Verhältnis von Zahl, Bild, Diagramm)
  • Daten und Objekte (Informatisierung materieller Objekte)
  • Internet der Dinge
  • Daten und (lebendige) Körper
  • Daten und Quasi-Objekte (Objektorientierung in Programmiersprachen, Interdependenzen von symbolischen Ordnungen und Verdatung, epistemische Dinge)
  • Theorie und Geschichte der Datenbanken, des Internets und seiner Dienste, des Computers, seiner Interfaces, der Algorithmen, Programmiersprachen und Software Studies
  • Datenschutz
  • Digitale Partizipation, digitale Gesellschaft
  • Medienethnografie und Mediensoziologie der ›digitalen‹ Gesellschaft(en),
  • Geschichte der Netzwerkgesellschaft(en)
  • Netzkritik, Netzaktivismus
  • Web Studies
  • Mediengeografie
  • Digital Humanities, Digital Methods
  • Gouvernemedialität

Die AG strebt die Vernetzung der Wissenschaftler/innen untereinander an. Sie setzt sich zum Ziel, Forschungsergebnisse ihrer Mitglieder international bekannt zu machen sowie den internationalen Austausch zu stärken. Sie sucht den Dialog mit benachbarten Disziplinen wie Informatik, Wissenschaftsforschung und Mediensoziologie. Sie fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Kontakt:
Sebastian Gießmann
sebastian.giessmann /bei/ culture /punkt/ hu-berlin.de

Dietmar Kammerer
dietmar.kammerer /bei/ staff /punkt/ uni-marburg.de