Datenkritik als Kritikkritik?!

Was ist Datenkritik? Diese Frage wurde bereits Anfang der 1990er Jahre von der Agentur Bilwet in einem kurzen Text aufgegriffen – jenem Zusammenschluss von Autoren und Forschern, der sich seit 1983 der „Ausübung der illegalen Wissenschaft“ verschrieben hat. In Vorbereitung auf den kommenden ersten Workshop der AG Daten und Netzwerke, der sich der gleichen Frage widmen soll, lag und liegt es Nahe, sich die Antwort der Agentur Bilwet anzusehen.

Dabei fällt jedoch schnell auf, dass für die Autoren weniger Daten ein Problem darstellen als die Kritik selbst. Durchaus polemisch unterziehen sie ‚die Kritik’ einer Kritik, für die Datenkritik eine Antwort sein soll:

Unter dem Regime des ahistorischen Materialismus ist nur die totale Datenkritik lebensfähig. Auch Filme sind bloß Information. Im heutigen Mediensystem ist Kritik an der Ausfüllung der Software nicht mehr abhandlungsfähig. Das ist schade, aber nicht aussichtslos. Warum ist ‚schön’ ungefährlich? Und ‚häßlich’ übrigens ebenso? Sowohl fiction  als auch reality  sind dem allmächtigen Medienbegriff untergeordnet. Es macht keinen Sinn, die einzelnen Medien zu kritisieren. Die Negation kann sich nur noch an dem boot- und rootsector der ganzen Medienscheibe orientieren. Datenkritik ist die Kunst der absoluten Informationsnegation. Sie ist keine Überlebensstrategie, sondern ein Frontalangriff. Datenkritik ist keine Attitüde, die man umgehen kann. Sie ist die Verneinung des Existierenden, sie fängt da an, wo Zynismus aufhört: Sie schiebt die Welt nicht zur Seite, sondern nimmt die Herausforderung des Unvorhersehbaren an. Für Daten gibt es keine Alternative. Man kann sie nur face-to-face, wie eine Medusa, anschauen.

Daten werden gegenüber Information in Stellung gebracht. Nach Ansicht der Autoren scheint sich Kritik, die sich auf dem Niveau von Information bewegt, in der Beliebigkeit, der Austauschbarkeit und den Moden von Meinungen und Gegenmeinungen zu verirren. Datenkritik übt sich demgegenüber in absoluter Informationsnegation und stellt sich damit der Herausforderung des Unvorhersehbaren.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht so recht, welche Konturen eine so verstandene Datenkritik annehmen würde. Jenseits dieser Verwirrung wirft der Text jedoch einige Fragen auf, die es meines Erachtens hier und auf unserem Workshop zu diskutieren gilt. Zum Einen macht Agentur Bilwet deutlich, dass neben Daten auch Kritik ein Problem darstellt. Die Frage ist dann wie man sich überhaupt kritisch gegenüber Daten oder genauer den zeitgenössischen medialen Datenpraktiken positionieren kann. Zum Anderen stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Daten zu Informationen. In einigen Kontexten hat man es sich zur Gewohnheit gemacht Daten als Vorform von Information (und diese wiederum als Vorform zu Wissen) zu betrachten. Demgegenüber werden Daten in anderen Kontexten als numerische Fakten begriffen, die selbst informativ sind. Schließlich verweist das Wort Daten häufig auch nur auf das, was Computer prozessieren. Eine kritische Auseinandersetzung mit medialen Datenpaktiken sollte daher auch Fragen was Daten überhaupt sind ohne jedoch nach einer ontologischen Wesensbestimmung zu suchen. Vielmehr wäre die heterogene Vielgestaltigkeit der zeitgenössischen Sprechweisen über Daten freizulegen.

P.S.: Es ist übrigens bemerkenswert, dass in der englischen Übersetzung des Texts nicht „Regime des ahistorischen Materialismus“ steht, sondern Regime des ahistorischen Immaterialismus (unhistorical immaterialism). Eine interessante Dissonanz, die unser Thema vielleicht nur indirekt berührt.