Enden der Verkehrswissenschaft

Als Netzwerkhistoriker geht man manchmal seltsamen literarischen Vorlieben nach. Wer nach der in Deutschland nicht eben oft gesammelten Railway Gazette and Railway News sucht, wird dieses einst unentbehrliche Fachblatt der englischen Eisenbahner auch mit einem kleinen Bestand im Kölner Institut für Verkehrswissenschaft verzeichnet finden. Beim Fußnotenreinigen für mein kommendes Buch drängte sich ein erneuter Blick in die Jahrgänge 1928 bis 1934 geradezu auf, nachdem ich die entsprechenden Quellen zuletzt 2006 in der Pariser Nationalbibliothek gesichtet hatte.

Einige Bemerkungen auf der Homepage von Institut und Seminar für Verkehrswissenschaft ließen mich allerdings skeptisch werden. Der Verdacht auf einen auslaufenden Studiengang erhärtete sich dann vor Ort: Die Sekretärin des Emeritus Herbert Baum führte mich in die alte Institutsbibliothek. Die Zeitschriftenjahrgänge waren nur noch halb erhalten, die gute Railway Gazette war bereits weggeworfen worden. Nein, in Köln sortiert man so etwas nicht in die Universitätsbibliothek ein. Während die Hilfskraft überrascht war, dass sich überhaupt jemand für etwas interessierte, stehen zumindest die deutschsprachigen Journale für Verkehrswissenschaft noch in der zur Hälfte leeren Bibliothek. Was für mich nur milde ärgerlich war, ist aber auch institutionalisiertes Vergessen jener älteren Wissensformation, die die Verkehrswissenschaft einmal bildete.

Bibliothek des Kölner Instituts für Verkehrswissenschaft, 20. April 2013

Bibliothek des Kölner Instituts für Verkehrswissenschaft, 20. April 2013

Das ist umso bedauerlicher, als die Medienkulturwissenschaft sich anschickt, die von der Geschichtswissenschaft halb vergessene Verkehrsgeschichte wieder zu entdecken. So häufen sich jüngst die Forschungsergebnisse in lesenswerten Monografien, etwa Anette Schlimms „Ordnungen des Verkehrs“ (2011) oder Wiebke Porombkas „Medialität urbaner Infrastrukturen“ (2013). Christoph Neubert und Gabriele Schabacher widmen den von ihnen herausgegebenen Sammelband „Verkehrsgeschichte und Kulturwissenschaft“ (2012) gar der Wiederentdeckung eines vernachlässigten und doch omnipräsenten Phänomens, das von Mitte des 19. Jahrhunderts an als Verkehrssemantik kultur- und medienhistorisch allgegenwärtig war. Wichtig dafür ist zweifelsohne die Anlage der Akteur-Netzwerk-Theorie, deren erzählerische Logistik von Menschen, Tieren, Zeichen, Dingen, Institutionen und anderen Agenten in sich eine Wiederkehr der Verkehrssemantik birgt.

Man kann bei Anette Schlimm nachlesen, wie der anwachsende Weltverkehr (nicht nur) in Großbritannien und Deutschland eine Expertenkultur hervorbrachte. So ist das Kölner verkehrswissenschaftliche Institut eher eine Renegatengründung aus der Praxis heraus gewesen, die maßgeblich vom Rechtsanwalt Ernst Resch betrieben wurde. Als Praktiker des Verkehrsrechts lag ihm vor allem an einer Bündelung der verstreuten Wissensressourcen; die als An-Institut der gerade neu begründeten Universität Köln operierende Zentralstelle sollte auch unabhängige Expertise für die verkehrspolitischen Kontroversen liefern (vgl. Schlimm 2011, S. 94 f.). Zeit ihres Bestandes wurde die Verkehrswissenschaft den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zugeordnet; teils hinterließ sie Ihre Spuren auch im staatsrechtlichen Diskurs, etwa noch in Fritz Voigts „Verkehr. Die Theorie der Verkehrswirtschaft“ aus dem Jahr 1973.

Modern Transport, Ausgabe vom 19. März 1932, aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Köln

Modern Transport, Ausgabe vom 19. März 1932, aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Köln

Auf materielle Hinterlassenschaften der Kölner Sammlungs- und Beratungstätigkeit kann man trotz der Preisgabe von Bibliotheksbeständen noch stoßen. Wenn man in der Kölner UB das neben der Railway Gazette andere maßgebliche zeitgenössische englische Fachblatt Modern Transport aufschlägt, finden sich noch die Stempel des Kölner Zentralinstituts. Ob in zwanzig Jahren noch jemand diese Verkehrszeichen zu deuten weiß? Auch die digitale Medienkultur der neueren Netzwerke verdankt den Deutungen des Verkehrs mehr, als sie in der Regel selber interessiert. Anhand der Wende vom topografischen zum topologischen U-Bahnplan in London habe ich versucht, genau dies für die Zeit um 1933 zu zeigen. (Daher auch das Interesse für die Praktiken der Eisenbahner und die englischen Fachmagazine.) Der entsprechende Artikel dazu heißt „Synchronisation im Diagramm. Henry C. Beck und die Londoner Tube Map von 1933“ und erscheint demnächst im lang erwarteten Band „Kulturtechniken der Synchronisation“, herausgegeben von Christian Kassung und Thomas Macho.

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